Dienstag, 30. Oktober 2012

Metropolitan Village


Bermondsey Street
Großstädter, die im quirligen Zentrum leben wollen, wohnen in Hochhäusern, so dachte ich bisher. Sie wohnen in Gründerzeit-Altbauten, wie in Berlin, oder in eleganten Jugendstil-Wohnungen, wie in Paris oder Barcelona, oder in Wolkenkratzern, wie in New York. Nicht die Londoner.


Walthamstow

Londoner leben in niedrigen Häusern. Ich habe irgendwo gelesen, dass Briten Wert auf Privatheit legen; das mag erklären, warum aufeinandergestapeltes Wohnen für sie undenkbar ist. Drei Stockwerke sind das Höchste der Gefühle. Die Häuser sind gemütlich, haben einen Garten, strahlen Ruhe und Geborgenheit aus. Und sie werden nicht etwa vorübergehend gemietet, sondern gleich gekauft. Damit haben sie das, wonach die Bewohner anderer Großstädte sich oft sehnen, ohne "nach draußen" ziehen müssen, um endlich etwas Ruhe zu haben.


Notting Hill

London ist ein Zusammenschluss von vielen Dörfern. Es gibt kein Stadtzentrum und kein kohärentes System, dem man folgen kann, und so kann man an jeder Straßenecke die Orientierung verlieren, überrascht werden, sich plötzlich ganz woanders wiederfinden.


Camden
Das eigentlich Verwirrende und Besondere ist jedoch, dass mitten in diesen dörflichen Straßen das multikulturelle Leben tobt, schnell und bunt und atemlos. Dieser Kontrast ist einzigartig und irritierend.  Denn das "New York Europas" streckt sich nicht in die Höhe, sondern in die Weite - man ist immer irgendwie auf dem Land, und zugleich mittendrin im Geschehen. Es ist nicht der Stadtplan, der manchmal fehlt, sondern die inneren Koordinaten, die durcheinander kommen: Wo bin ich hier? fragt man sich immer wieder: In einer Metropole? Oder auf dem Dorf?

Wer Gegensätze inspirierend findet, oder sich in einer Weltstadt dennoch zu Hause fühlen möchte, findet hier einen idealen Ort.

Putney

Mittwoch, 10. Oktober 2012

It doesn't have to match - London's Fashion Secrets


Hutladen, Kingley's Court
Auf dem Weg in die berühmte Portobello Road lande ich in einem kleinen Laden, der lustige Ringe verkauft. Ich probiere einen von ihnen an - eine große, weiße Schleife aus Plastik. Überlege einen Moment und sage: "Hm, der passt zu Schuhen, die ich zu Hause habe". Die Verkäuferin guckt überrascht und erwidert: "But it doesn't have to match!" Ich bin auch überrascht, so sehr, dass sie mich sofort überzeugt hat. 

Diese und ähnliche Aussagen bekomme ich beim Shoppen in London immer wieder zu hören. "It makes a difference!" - zu einem ungewöhnlichen hellblauen Fifties-Kleid mit weißen Punkten, "It's a statement!" zu einem großen roten Schmuckstück, dass meinem Outfit so gar nicht zu entsprechen scheint, und als ich mit einem merkwürdigen T-Shirt kämpfe, das nur einen langen Ärmel hat: "Wenn es sich seltsam anfühlt, dann ist es genau richtig!"


"It doesn't have to match" - indeed, denke ich später: Denn ist es nicht genau das – das scheinbare Nicht-Passen – das die Kunst, die Literatur, die Musik immer wieder auf's Neue vorangebracht hat? Das, was ungeahnte Assoziationen hervorruft, Sehgewohnheiten durchbricht, zu neuen Gedanken provoziert? Vielleicht ist dies nicht nur modern, irgendwie queer und funky, sondern auch notwendig

In London habe ich gelernt, dass man rote Haare problemlos mit einer orangenen Bluse und einer pinkenen Jacke als Highlight kombinieren kann. Oder eine hellblaue Cordhose mit grünen Socken. Und es sind nicht nur die Farben, die hier nach ungewöhnlicher Gesellschaft suchen. Auch Stoffe, Muster, Stilrichtungen finden sich zu einem lebendigen Mix zusammen: Bunte Strickjacken zu Blumenkleidern, Wollpullover zu langen Plisséröcken aus Polyester, Rautenmuster zu Quadraten, dazu ein goldener Gürtel. Ach, und natürlich Kopfschmuck und Regenschirme in allen Farben.

Accessoire zur Arbeitskleidung
Doch dieser Eklektizismus wirkt nie beliebig oder gar nachlässig, im Gegenteil: Er hat System - eines, das ich noch nicht ganz erfasst habe. Das aber toll aussieht. 

Irgendwann lande ich in einem Strumpfhosenladen. Ich habe Zeit, in aller Ruhe die phantaisevollen Muster und Farbkombinationen in den Auslagen zu bewundern. Am Ende entscheide ich mich für eine ganz einfache, schwarze Seidenstrumpfhose und gehe damit zur Kasse. Die Verkäuferin guckt mich enttäuscht an und sagt: "No fun?" 

Auf dem Heimweg denke ich: Für Italienerinnen mag Mode Eleganz ausdrücken, für Französinnen Perfektion, für Deutsche Pragmatismus; für die Londonerin ist sie in erster Linie eins: Fun.



Montag, 1. Oktober 2012

Lucy In Disguise

Lexington Street, London

... ist ein Wortspiel, oder genauer: ein Spiel mit dem, was wir hören, wenn wir das Lied der Beatles im Ohr haben:  Lucy in the sky with diamonds ...

Einige sagen, der Song würde Erfahrungen mit Drogen beschreiben, denn der Titel sei eine versteckte Abkürzung für LSD. John Lennon aber behauptet, er habe lediglich die Worte seines Sohnes zu einem der Bilder übernommen, das dieser gerade gemalt hatte. Wie auch immer, hier wird offenbar ein sehr besonderes Erlebnis beschrieben.

Picture yourself in a boat on a river
With tangerine trees and marmalade skies
Somebody calls you, you answer quite slowly
A girl with kaleidoscope eyes

Cellophane flowers of yellow and green

Towering over your head
Look for the girl with the sun in her eyes
And she's gone
Lucy in the sky with diamonds

(...)

(aus dem Album Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band)

Die Frage ist nun: Welche Erfahrungen erwarten einen, wenn man diesen Laden betritt? Was verbirgt sich hinter diesem mysteriösen Namen? Und: Wer ist die rätselhafte Lucy in Wirklichkeit?

Let's try and find it out...


Lucy in disguise with diamonds