Freitag, 28. Dezember 2012

Lyon, mon amour



Notre-Dame de Fourvière und Petite Tour Eiffel


Leicht und unbeschwert kommt Lyon daher, und ihre Besucher spüren sofort: Lyon ist eine freie, unabhängige Stadt. Keine Mythen von provenzalischen Paradiesen, keine Frankreich-Klischees kleben an ihr und behindern sie in ihrer Entfaltung. Sie ist auch nicht die Stadt der Liebe oder des Verbrechens. Lyon ist einfach nur sie selbst. 


Place Bellecour

Café im Stadtteil Croix-Rousse

Jeder ist eingeladen, sie in Ruhe zu entdecken und dabei ganz eigenen Wege zu finden. Lyon ist keine Angeberin. Es ist ihre unaufdringliche Schönheit, die sie so zugänglich und liebenswert macht.

Unspektakulär und alltäglich wirkt auch das Leben auf den Straßen. Niemand scheint sich hier die Frage stellen zu müssen, warum er eigentlich hier ist und was er hier will. Es ist einfach selbstverständlich, hier zu leben.

Ich habe in diesem Jahr Städte besucht, die ich als villes parenthèses empfunden habe, als Städte, die Menschen nur vorübergehend bewohnen. Aufregende Metropolen, Anziehungspunkte für alle, die ein kreatives Feuerwerk und ein vibrierendes Lebensgefühl erfahren wollen, um nach einigen Monaten oder Jahren, inspiriert und erschöpft, wieder aufzubrechen. Schwebende Aufenthaltsorte, zu denen auch meine Stadt, Berlin, gehört.

Lyon ist eine Stadt, in der die Menschen bleiben wollen. Zentral gelegen und fest verbunden mit dem Land um sie herum, verspricht sie solide Beständigkeit. Frei von Metropolenfieber, ermöglicht sie zugleich dem bunten, künstlerischen Leben, sich ungestört zu entfalten.


Vieux Lyon

Uhrmacher, Vieux Lyon

Jazzkeller, Stadtteil Croix-Rousse


Boutique, centre ville


Brücke über die Saône

Zwei Flüsse gibt es hier, die Rhône und die Saône, und so läuft man immer wieder über Brücken. Die Rhône, so heißt es, ist schneller als die Saône. Möchte man die Dinge im eigenen Leben vorantreiben, mag sie eine belebende und ermutigende Ratgeberin sein. Und tatsächlich habe ich neue Entscheidungen getroffen.

Sehr wahrscheinlich werde ich im kommenden Jahr an einen noch unbekannten Ort umziehen. Sollte er in Frankreich liegen, so ist dies die Stadt meiner Wahl: Lyon.





Am Ufer der Saône

The Evening Standard




Oxford Street

Am Eingang der Londoner Tube werden täglich free newspapers verteilt. Morgens gibt es die Metro, abends den Evening Standard. Mittwochs gibt es im Wechsel das Kinomagazin ShortList und ein Modeblatt, dessen Namen ich vergessen habe. Und dann gibt es noch City A.M., das vom Wirtschaftsgeschehen berichtet und nur von Insidern verstanden wird. 




Der Evening Standard ist die Belohnung für einen langen Tag. Er ist unterhaltsam zu lesen und perfekt auf die Dauer einer U-Bahn-Fahrt abgestimmt. Danach lassen ihn die meisten Fahrgäste auf den Sitzplätzen liegen, da es im Underground keine Mülleimer gibt. Vielleicht freut sich ja der nächste darüber. 

Im Zeitalter von Smartphones und Internet ist eine Papierzeitung wie der Evening Standard schon fast überholt, und ökologisch ist er natürlich auch nicht. Aber jeder liest ihn. Und ich muss zugeben: Ich liebe den Evening Standard.





Vielleicht, weil er Erinnerungen wachruft. 

Ich erinnere mich, wie wir am Tag des Mauerfalls durch die Straßen von Berlin liefen. Überall standen Zeitungsverkäufer und riefen: Extrablatt! Extrablatt!  - ein Bild, wie man es heute nur noch in alten Filmen zu sehen bekommt. Das Pflaster unter unseren Füßen bebte, wir erlebten einen historischen Moment. Ich kaufte mir eine taz, die ich bedauerlicherweise nicht aufbewahrt habe. 

Der Evening Standard, so scheint mir, ist auch ein Extrablatt. Eilig gedruckt, um schnellstmöglich unter die Leute gebracht zu werden, informiert er über Ereignisse, von denen jeder sofort erfahren sollte. Er ist so wichtig, dass er kostenlos verteilt wird. Wer den Evening Standard liest, der gehört dazu - der ist Teil des Weltgeschehens. 




Montag, 24. Dezember 2012

Au revoir, Paris




"There ist never any ending to Paris and the memory of each person who has lived in it differs from that of any other. We always returned to it no matter who we were nor how it was changed nor with what difficulties nor what ease it could be reached. It was always worth it and we received a return for whatever we brought to it."

Ernest Hemingway, A Moveable Feast



    

... Und hier enden meine Pariser Aufzeichnungen. Nach nur zweieinhalb Tagen breche ich wieder auf. Doch ich werde sicher zurückkommen, immer mal wieder.




Sonntag, 23. Dezember 2012

Passagers clandestins




Mit zwanzig war ich überwältigt von Paris. Überwältigend - oder vielmehr beunruhigend - war auch die métro. Ich fühlte mich verloren in den endlos erscheinenden Gängen, fürchtete mich vor all den unbekannten Gesichtern, die in der spärlichen Beleuchtung einen eigentümlichen Ausdruck annahmen, erschrak über den rasanten Rhythmus und die Entschiedenheit, mit denen die Türen sich schlossen und wieder öffneten und sogleich wieder schlossen. Die Metro war mir nicht geheuer. Sie hatte etwas unentrinnbar Abgründiges an sich. 

Später lernte ich andere U-Bahnen kennen. Ich denke an die Metro von St. Petersburg, deren Rolltreppen in beeindruckende Untiefen hinabfahren. Mit dicken Romanen in der Hand machen sich die Fahrgäste auf den langen Weg nach unten. Der Abstieg ist gefährlich, es gibt sogar eine Aufseherin. Unendlich tief unter Wasser und Erde knattert diese Bahn durch die Tunnel. Doch beängstigend fand ich sie nicht.

Was also hat es auf sich mit der Pariser Metro? Und kann sie mich heute noch schrecken? An der Station Bastille steige ich ein, gespannt auf neue Beobachtungen, doch schon bald merke ich: Ihr Charakter hat sich nicht verändert. Deutlicher denn je tritt zutage, was hier im verborgenen vor sich geht. 

Unheimliche Passagiere sind in der métro unterwegs. Gespenster, die hier ihre Bleibe gefunden haben, huschen durch die Gänge, besetzen die Sitzplätze und schlängeln sich um die Haltestangen. Sie schleichen um die Fahrgäste herum und streifen sie am Ärmel, als wollten sie ihnen etwas zeigen. Sie fühlen sich wohl hier. Sie tummeln sich überall, und ihretwegen ist es erstickend eng.

Gerne schauen sie auch den Zeitungslesern über die Schulter und kommentieren das Tagesgeschehen. Schließlich wissen sie Bescheid: Sie haben in nächtlichen Massakern gemordet und Aufstände niedergeschlagen, sie wurden zur Guillotine verurteilt und in Kriegen verfolgt. Von alledem können sie anschaulich berichten, und sie leben davon, dass man sie hört. Die Bahnhöfe sind nach ihren Schlachten benannt, und und an jedem neuen Halt raunen sie mir zu: Möchtest du hier aussteigen, ja? ... Wagram? Alésia? Sébastopol? Gare d'Austerlitz? Bir-Hakeim? Stalingrad? ... Wir kommen mit!

Lasst mich hier raus, denke ich. Hoffentlich hält der Zug auch wirklich an der nächsten Haltestelle, Gare de Lyon verheißt ein sicheres Entkommen. Hoffentlich gehen die Türen auf. Hoffentlich gibt es Treppen und Ausgänge. Und wieder Tageslicht. 






Freitag, 21. Dezember 2012

Jour de soleil




Das Pariser Licht ist unvergleichlich, auch an diesem Tag, mitten im Dezember. Das Licht fällt auf die Häuserfassaden, die Brücken, das Wasser, und verleiht der alten, geschichtsbeladenen Stadt eine frühlingshafte Leichtigkeit.




In einer Erzählung von Maupassant las ich einmal von einem Sommertag qui allume les yeux - "der die Augen entfacht" oder "zum Leuchten bringt", auf eine beglückende Art und Weise. So schlendere ich im Dezemberlicht durch die Stadt, mit entflammtem Blick, und erfreue mich an der Architektur. Ich stelle mir vor, wie es wäre, in einem der Häuser zu wohnen, morgens die Fenster zu öffnen und auf den Balkon hinauszutreten.








Nur eines erstaunt mich, während ich die Menschen in den Straßen sehe, ihrer Sprachmelodie lausche, mich anstecken lasse von ihrer spielerischen Heiterkeit.

In Paris kleiden sich alle schwarz. Wie kann das sein?, frage ich mich. Paris ist doch, wie London, eine Modemetropole! Die Jahreszeit ist sicher nicht der Grund...

Doch jede Stadt hat ihren eigenen Klang, ihre eigene Dynamik. Ich denke an die Backsteinbauten des alten London, deren Düsterkeit die Bewohner zu einer Antwort geradezu herausfordert. Farbenfroh, extrovertiert und konstrastreich präsentieren sich die Londoner auf dem dunklen Schauplatz ihrer Stadt. Jeder ist einmalig. Jeder ist ein Blickfang. 

Das Pariser Schwarz macht alle Menschen gleich: Wie flüchtige Pinselstriche bewegen sie sich auf zarten Farbflächen, umgeben von flirrendem Licht. Und wie sich voneinander unterscheiden, ist für das Bild nicht wichtig...

Möglicherweise ist auch dies eine Antwort der Stadtbewohner. Ihre Kleidung mag eine Form höflicher Zurückhaltung sein, ein unauffälliges Sich-Einfügen, um der Schönheit ihrer Stadt Ehre zu erweisen. Denn Paris kann man nichts mehr hinzufügen. 



Dienstag, 18. Dezember 2012

La mie câline




Morgens kaufe ich Brot bei La mie câline - "Die verschmuste Brotkrume". Der Name der Bäckerei ist offenbar ein Wortspiel mit L'amie câline - "Die verschmuste Freundin". Das Brot ist unwiderstehlich. Die französische Sprache auch. Sie lädt zu Spielereien ein, und oft lässt sie sich nicht übersetzen. Mit Grund: Es gibt Dinge, die kann man nur in dieser Sprache sagen, fühlen und erleben. 




Ein Espresso macchiato heißt hier café noisette - "Haselnuss-Kaffee", oder, möglicherweise, "haselnussfarbener Kaffee". Woraus er tatsächlich gemacht wurde, ist ein Geheimnis; wichtig ist, welche Assoziationen der Name hervorruft, auf welche Farbe, welchen Geschmack die Cafébesucherin sich freuen darf.

Gourmandises sind Leckerbissen jeglicher Art; wenn diese süß sein sollen, kauft man sie in einer pistacherie




Noch wichtiger ist das plat du jour, das Mittagsmenü. Die französische Mittagspause dauert mindestens anderthalb Stunden. Sie wird ausgiebig zelebriert, und die vielfältige Auswahl beflügelt die Phantasie. Die Frage des garçon: "Vous désirez?" - "Sie wünschen?" - heißt wörtlich übersetzt: "Was begehren Sie?"




Paris ist tatsächlich die Stadt des Begehrens, der Verführung, denke ich, während ich durch mein quartier laufe. Paris lädt ein zu einem Spiel mit Versuchungen, Möglichkeiten und Versprechen, und wer sich darauf einlässt, wird jeden Moment auf's Neue gefragt: Willst du weiterspielen, willst du mitkommen, in diese chocolaterie, dieses café, zu dir, zu mir, jetzt gleich, oder später, oder doch nicht, aber vielleicht morgen?

Es ist leicht, sich in dieser Sprache verführen zu lassen, die mit ihrer Verspieltheit und Vieldeutigkeit so vieles offen lässt und doch so eindeutig ist in dem, was sie genussvoll umkreist. 


etwa: Jedem seine Vorlieben

nicht übersetzbar

etwa: ... und Ihre Begierden werden Wirklichkeit

Zum Abendessen treffe ich eine Schulfreundin, die ich sehr lange nicht gesehen habe. Sie fragt nicht, ob ich verheiratet bin oder einen Partner habe. Sie fragt: Gibt es momentan jemanden in deinem Leben, in den du verliebt bist?


etwa: Passage des Begehrens

Tour Eiffel, jour de brume



Mit 14 war ich zum ersten Mal auf dem Eiffelturm. Ich war dort mit einer Schulfreundin. Ihre Eltern hatten eine Wohnung in Paris, und sie hatten mich eingeladen.

Wir waren nicht ganz nach oben gefahren, nur in den "ersten Stock" sozusagen. Dort machte ich ein Foto von ihr, sie steht vor dem Schutzgitter mit Blick auf den Champ de Mars, ein ruhiges, unspektakuläres Bild. Auf einer weiteren Aufnahme sitzt sie auf einer Mauer mit dem Eiffelturm im Hintergrund, und ich meine mich zu erinnern, dass sie eigentlich keine Lust hatte, für die Kamera zu posieren. Es sind persönliche Bilder, entstanden lange vor der Facebook-Zeit, nur füreinander zur Erinnerung.

Meine Freundin war feinfühlig und idealistisch, hatte eine schöne Handschrift und spielte Theater. Wir haben die gesamte Schulzeit zusammen verbracht - sie war die Einzige, die mit mir in der gleichen Klasse geblieben war, die nicht irgendwann die Abteilung oder die Schule gewechselt hatte. Wir saßen oft nebeneinander, haben uns amüsiert, gelangweilt, manchmal zugehört und oft auch nicht, denn es gab genug anderes, was uns beschäftigte.

Später - in einer Lebensphase, in der wir die Schulzeit möglichst schnell hinter uns lassen wollten - verloren wir uns aus den Augen. Heute freue ich mich über meine wiedergefundenen Kontakte, die die vielfältigsten Erinnerungen wiederbeleben und auf ihre Art etwas Besonderes sind. 

Ich traf mich in Paris mit einer anderen Schulfreundin, die ich ebenso lang nicht mehr gesehen hatte, und erfuhr von ihr, dass sie nicht mehr lebt.

Am nächsten Morgen sind diese beiden Bilder entstanden.




Samstag, 15. Dezember 2012

Über den Dächern von Paris




81, Rue Rambuteau. Hier wohne ich, in einer Dachwohnung im 7. Stock, mitten im Zentrum, mitten im alten Paris. Ich kann mit einer Leiter auf's Dach steigen und von dort in alle Richtungen auf die Stadt schauen.




Paris ist rétro. Die lange, bewegte Geschichte der Stadt ist hier so präsent, dass die Gegenwart nahezu verschwindet. Daran können auch die hier und da eingestreuten avantgardistischen Neubauten nichts ändern: ratlos, wie zufällig gelandete Ufos, stehen sie inmitten machtvoller Repräsentanten vergangenen Weltgeschehens.


Centre Pompidou, Blick vom Dach, Rue Rambuteau

Paris ist voller realer und erfundener Geschichten, die hier einmal stattgefunden haben. Die Menschen, die sie erlebten, bevölkern die Straßen, die Treppenhäuser, die Wohnungen, sie sind lebendig, und es dauert nicht lang, bis ich eine der ihren bin.






In den Straßen von Paris tobt die Revolution, und ich halte mich hier versteckt. Ich bin ein Maler der Jahrhundertwende.  Ich bin Pierrot Lunaire und tanze nachts auf den Dachzinnen. Ich werde, wie Puccinis Mimi, schwindsüchtig in dieser Dachkammer sterben, nachdem ich mich mühsam die Treppen hinaufgeschleppt habe.




Ich bin ein Jazztrompeter der 50er Jahre, der tagsüber hier oben übt, um nachts in den caves de jazz zu verschwinden.Ich bin eine Studentin der 68er und schreibe feministische Texte, die ich später als Flugblätter verteilen werde. Nur eines bin ich nicht: Ein Mensch von heute.




Diese Stadt wurde so stark von der Weltgeschichte geprägt, dass es kaum möglich ist, sie mit einem neuen, unvoreingenommen Blick zu betrachten, oder sie gar neu zu erfinden. Sie ist eine grande vieille dame, die Respekt fordert. Sie will keine neuen Geschichten mehr hören. Sie ist wie das wichtigste Gemälde in einem berühmten Museum - schon lange fertig gestellt und perfekt in ihrer historischen Schönheit. Niemand darf ihr zu nahe treten und sie berühren. Aber sie darf und will bewundert werden, als die Schönste im Land, als die Schönste der Welt.


Blick auf Montmartre und Sacré-Coeur

Freitag, 14. Dezember 2012

Paris - A Moveable Feast




"I ordered another rum St. James and I watched the girl whenever I looked up, or when I sharpened the pencil with a pencil sharpener with the shavings curling into the saucer under my drink.

I've seen you, beauty, and you belong to me now, whoever you are waiting for and if I never see you again, I thought. You belong to me and all Paris belongs to me and I belong to this notebook and this pencil. (...) 

If you are lucky enough to have lived in Paris as a young man, then wherever you go for the rest of your life, it stays with you, for Paris is a moveable feast."

Ernest Hemingway: A Moveable Feast (Paris - Ein Fest für's Leben)