Mittwoch, 25. Dezember 2013

Verwandtschaft


Copyright: Frekerika Davis, 1963

"Ist das ein Verwandter?", fragte mich gestern eine Kollegin, nachdem ich mir ein neues Hintergrundbild auf meine Bildschirme hochgeladen habe. Vermutlich wollte sie damit eine direktere Frage vermeiden, doch ich gebe gern Auskunft.

Das hier ist Rudolf Nurejew.

Ein Blick auf das Bild, immer mal zwischendurch, genügt, um mir neuen Schwung zu verleihen. Denn was dabei auf mich überspringt, ist eine elektrisierende Lebendigkeit und Intensität. 

Ich sehe einen Tänzer mit zersausten Haaren, dessen unerschrockener Blick ein stürmisches Temperament erkennen lässt, und der zugleich mit einer großen Feinheit und Präzision seine Arme und Hände platziert. 

Offenbar weiß er genau, was er vorhat. Sein Blick ist hellwach und konzentriert, doch scheinen seine Augen nicht nach außen gerichtet zu sein und nach etwas greifen zu wollen, sondern werden gleichsam nach innen, auf den Tanz gelenkt.

Die Position der Arme verrät nicht, was er tanzen wird. Ebensowenig lässt sich aus seiner Kleidung schließen, wo er sich gerade befindet. Denn dies hat keine Bedeutung. Ganz gleich, ob er sich vor einem Bühnenpublikum oder in der persönlichen Atmosphäre eines Probenraums befindet, ob er sich auf eine mehrfache Drehung vorbereitet oder gerade eine ruhige Phrase beendet - er gibt jedem Moment, jeder noch so geringfügigen Bewegung seine ganze Aufmerksamkeit, wie ein inneres Pulsieren, das jede Faser seines Körpers mit Leben erfüllt.

Seine gesamte Körperhaltung, so scheint mir, bringt die Leidenschaft, Unbedingtheit und Hingabe zum Ausdruck, mit der er sich dem Tanz widmet. Daraus entsteht eine Präsenz, die er wie ein großzügiges Geschenk an alle verteilt, die ihn sehen können - und sei es auf einer fünfzig Jahre alten Fotografie.

Was für ein Ansporn, auch nur entfernt mit Rudolf Nurejew verwandt zu sein. 


Fortsetzung folgt...

Samstag, 14. Dezember 2013

Gegenenergien



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Ich muss mir eine Strategie einfallen lassen, dachte ich gestern wieder auf der Arbeit, und nachdem ich abends Tanzen war, wusste ich, was zu tun ist.

Eine der Tanztechniken, mit denen wir uns gerade beschäftigen, ist der Einsatz von Energie und Gegenenergie. Dabei wird jede Bewegung von einer Energie in die entsprechende Gegenrichtung begleitet.

Wenn ich zum Beispiel für eine Balance nach oben gehe, bewegt sich die Energie zugleich nach unten. Ebenso stelle ich mir bei der Aufwärtsbewegung einer Pirouette vor, wie ich mich nach unten in den Boden schraube. Gehe ich dagegen in die Knie, spüre ich zugleich einen Zug nach oben. Das Gleiche passiert bei Schritten nach rechts, links, vor, zurück und so weiter.

Die Vorstellung gegenläufiger Energien gibt Halt bei Balancen und Gleichgewicht bei Drehungen, verleiht ein Gefühl von Leichtigkeit bei Sprüngen und lässt einen weichen und harmonischen Tanzfluss entstehen.

An meiner Arbeitsstelle geht sämtliche Energie nach oben: Geistige Aktivität, erhöhtes Tempo, unvermittelte Richtungswechsel, Sprünge verschiedenster Art... - all dies würde mich schon bald aus der Achse werfen, wenn ich nicht eine solide, entsprechend starke Gegenenergie zum Einsatz bringen würde.

Diese baue ich jetzt immer folgendermaßen auf: Ich stelle mir vor, wie ich nach und nach um ein Vielfaches größer, schwerer und dickhäutiger werde, bis ich mich in einen riesenhaften Wasserkoloss verwandelt habe.

Meine Umgebung ist warm und gemütlich, und mein Lebensgefühl ist geprägt von Wohlbehagen und Ruhe. Als Pflanzenfresserin kann ich mir das Jagen sparen; lieber gehe ich ungestört grasen. Ansonsten verbringe ich den Großteil des Tages in heimelig-seichten Gewässern. Ich muss ja nur knapp über der Wasseroberfläche auftauchen, um atmen, sehen, riechen und hören zu können. Mehr brauche ich nicht, um zufrieden zu sein.

Es wundert nicht, dass eine wie ich in der modernen Welt zu den bedrohten Arten gehört. Doch schaut uns an mit unserer Langsamkeit, unserer Genussfähigkeit, unserem schwergewichtigen Widerstand gegen all die überflüssige Betriebsamkeit - es ist so wichtig, dass es uns gibt.


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Sonntag, 8. Dezember 2013

Geflügelte Füße


Giambologna: Mercurio, 1580, Firenze
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Das wusste ich bisher noch nicht. Während wir uns an der Attitude versuchen, erwähnt mein neuer Ballettlehrer beiläufig, dass diese Position vom "Fliegenden Merkur" inspiriert wurde, der in Florenz zu sehen ist.


Offenbar ist Merkur einer, dem man überall begegnet. In der Tat war Merkur, auch Hermes genannt, ein viel gefragter griechischer Gott, der für vielfältige Aufgaben zuständig war. Als Gott der Magie und der Träume, der Wanderer und Reisewege, des Denkens und der Redekunst, des Handels und der Kaufleute war er rund um die Uhr beschäftigt. Vor allem aber war er der Verkünder der Beschlüsse des Zeus, der Mittler zwischen dem Olymp und der Welt der Sterblichen. Er musste schnell sein als Götterbote - doch dank seiner Flügelschuhe war ihm dies ein Leichtes.

Ebenso vielseitig wie seine Aufgaben waren auch seine Erfindungen: So ersann er die Lyra, die Tonleiter und das griechische Alphabet, entwickelte Sportarten wie Boxen und Turnen und erfand darüber hinaus die Astronomie und die Kunst der Weissagung. Bisexuell und leichtfüßig, wie er war, boten sich ihm dabei genügend Gelegenheiten für diverse Liebschaften, und so bereicherte er die Welt mit zahlreichen Nachkommen.

Kein Wunder also, dass Merkur zum Olymp gehörte. Es gab offenbar nichts, was ihm schwerfiel - auch nicht das Halten einer Attitude.

Die Bronzestatue von Giovanni di Bologna, auch bekannt als Giambologna, zeigt ihn mit einem geflügelten Helm und geflügelten Füßen. Anmutig und schwerelos schwingt Merkur sich in die Lüfte. In der einen Hand hält er den magischen Hermesstab, mit dem er Träume bewirken kann. Mit seiner erhobenen Rechten deutet er dorthin, woher alle Weisheit kommt.


Und so stelle ich mir seither beim Tanzen der Attitude Folgendes vor: Meine Schuhe haben Flügel und verleihen ein Gefühl von Leichtigkeit und Mühelosigkeit, während mein Körper Himmel und Erde zu einer harmonischen Linie verbindet. Dabei frage ich mich: Welche Botschaft der Götter kann ich vernehmen, und welchen Traum will ich vermitteln? 


Roberto Bolle
Foto: Rosalie O'Connor

Angel Corella
Foto: Mary Cargill

Alina Cojocaru
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Samstag, 7. Dezember 2013

Meine ersten... Warm-up Booties


Vladimir Malakhov
Staatsballett Berlin
Foto: Mark Mattingly

Nein, ich werde hier kein Foto mit meinen ersten seidenen Spitzenschuhen posten. Ich habe etwas viel Cooleres. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, das mich ganz besonders beglückt hat.

Das Präsent sind ein Paar Schuhe namens Warm-up Booties. Gedacht sind diese für professionelle Tänzer, die sich viele Stunden im Probenraum aufhalten und darauf achten müssen, dass ihr Körper, ihre Muskeln und vor allem auch ihre Füße nicht abkühlen.  

Warm-up Booties sind weich, einladend und geräumig, und dank ihrer werden die Zeit vor der Probe und die Pausen zu einer wahren Erholung, denn man bewegt sich in der beruhigenden Gewissheit, dass die eigenen Füße in Sicherheit sind.

Denn kaum etwas ist so wichtig für einen Tänzer wie die Füße. Sie lassen einen drehen und springen und wohlbehalten landen. Sie sind kraftvoll und äußerst sensibel zugleich. Und erst durch sie entwickelt sich die Linie einer Pose zu vollendeter Eleganz. So ist es nur angemessen, wenn man sich ihnen zum Jahresende mit Dankbarkeit zuwendet.

Warm-up Booties dienen dem Aufwärmen und Warmhalten zugleich; damit unterstützen sie nicht nur die freudige Vorbereitung, sondern versprechen auch Beständigkeit und Kontinuität - einen ganzen Tanztag und viele weitere Tanztage hindurch. Und so werden sie von Tänzern getragen, die noch viel vorhaben und ihrem Tänzerleben wertschätzend und vorausschauend entgegensehen. 

Wie die Schläppchen, die man in der allerersten Ballettstunde getragen hat, bringen die ersten Warm-up Booties Glück, Geborgenheit und Zuversicht für eine lange Tänzerzukunft.


Van Le Ngoc coaching Junor Souza and Elena Glurdjidze
English National Ballet
Photography: Bex Singleton

Dutch National Ballet
Copyright: Marc Haegeman



Natalia Ossipova und Ivan Vasiliev
Bolshoi Ballet Moskau
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Beatrice Knop
Staatsballett Berlin
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Todestag




Du denkst, du kannst jede und jeden haben, und behältst Recht damit. Die Gründlichkeit, mit der du dabei vorgehst, ist ungeheuerlich. Doch nie würdest du dich selbst in Frage stellen.

Du tauchst auf, wann immer es dir passt, raubst den Menschen ihre Liebsten, brichst ihnen das Herz, und statt daraufhin zu verschwinden, heftest du dich ihnen an die Fersen, bis du ihnen irgendwann gar nicht mehr von der Seite weichst.

Du bist nicht zu übersehen, und doch ist es unmöglich, sich auf dich einzustellen. Denn ganz gleich, wie oft du zur Tat schreitest - du bist in der Lage, einem Erfahrungen zu bescheren, die ihresgleichen suchen in ihrer Unbeschreiblichkeit und Einmaligkeit. 

Kein Wunder, dass du dir deiner selbst so sicher bist. Siegesgewiss und großspurig breitest du dich im Laufe eines Menschenlebens immer weiter aus und besetzt nach und nach noch die verstecktesten Winkel, ganz so, als wäre alles dein.

Doch dabei passiert noch etwas anderes: Je präsenter du bist, desto stärker werden deine Gegenspieler: Lebendigkeit, Liebe und Erinnerung. 

Respekt, Tod.



Montag, 2. Dezember 2013

Wörter




Wie alle Lebewesen brauchen Wörter die Gesellschaft anderer, um sich in einem sinngebenden Gefüge zugehörig zu fühlen. Sie schließen sich verschiedenen Gemeinschaften an, und je nachdem, mit wem sie sich zusammentun, verändern sie Ausdruck und Ausstrahlung.

Manche geraten in schlechte Gesellschaft, andere bilden eine Gang, um zu provozieren, wiederum andere finden ihre idealen Seelenverwandten und entfalten sich gemeinsam zu einem einzigartigen Ensemble, das anderen zum anregenden Begleiter wird.

Im Zuge der Industrialisierung veränderte sich auch die Stellung der Wörter in der Gesellschaft. Wörter wurden von nun an gezählt, gewogen und gemessen, um daraufhin als Gruppe einen Wert zugewiesen zu bekommen. 

Dabei entstand auch das Phänomen der Zwangsgruppierung. Wörtergruppen sollten nunmehr leicht verdaulich und verwertbar sein, sich zu Paketen bündeln und zu gezielten Zwecken einsetzbar gemacht werden. Mit der Einführung von Maschinen wird diese Idee seither immer weiter perfektioniert.

Ein Schicksal, das auch jene Wörtergruppen betrifft, die sich mit denen aus anderen Ländern verständigen wollen. Statt einem Vermittler werden diese nun in Fabriken sogenannten Translation Machines zugeteilt. Die Wörtergruppen der einen Sprache werden in die Maschinen geworfen, gemixt und verarbeitet, um in der jeweils anderen Sprache ausgeworfen zu werden.

An den Fließbändern sitzen Übersetzer und Lektoren, die überprüfen sollen, ob die Wörter tatsächlich in Reih und Glied aufmarschieren. Für eine kunstvolle Neuordnung oder ein bereicherndes Erweitern der Gruppe bleibt kaum Zeit. Die Mitarbeiter müssen eine bestimmte Anzahl an Wörtern pro Stunde durchschleusen, die weitaus höher ist als das, was ihr wörterliebendes Herz betreuen kann.

Ihrer Beweglichkeit beraubt, müssen die Wörter nunmehr zusammengepfercht im Käfig eingeschränkter Bedeutungen und Horizonte verharren, während sie von all den anderen Wörtern träumen, denen sie gern begegnen würden, und sich die wunderbaren Kombinationen ausmalen, die sie miteinander bilden könnten, wenn man sie in die Freiheit entließe.

Doch wie alle Wesen, die eine Seele haben, können Wörter in ihrem Inneren ungeahnte Energien entwickeln. Ich kann sie spüren -  ihre subversive, brodelnde Kraft. Und ich weiß, dass es Wege gibt, ihnen bei der Vorbereitung auf ihre Revolution zu helfen. Wörter können sich im Untergrund organisieren und Banden bilden. Sie können sich auch zu einem öffentlichen Blogpost formieren. Und das ist erst der Anfang.


Freitag, 22. November 2013

Wolken





"Dann frag doch Micaela", sagt mein Abteilungsleiter, Language Manager genannt, an einem meiner ersten Arbeitstage.
"Wo sitzt Micaela, wie sieht sie aus?", frage ich.
"Micaela sitzt in Kyoto, sie arbeitet zeitversetzt, du kannst sie also kontaktieren".

Irgendwann habe ich es verstanden: So gut wie jede Form der Kommunikation findet hier in einer großen weißen Chat-Wolke namens Skype statt.

Es gibt Gründe dafür. Zum einen arbeiten wir so konzentriert, dass jedes gesprochene Wort tatsächlich stört. Ich habe beim Betreten der Räume jedesmal das Gefühl, mich in einer Examensarbeit zu befinden, so still ist es in unserem Großraumbüro.

Zum anderen halten sich die meisten unserer Kollegen sowieso an anderen Orten auf. Das Hauptquartier liegt in England, die Systemadministratoren retten die Computer von Riga aus, diverse Project Manager sowie andere Übersetzer, mit denen ich in Kontakt bin, widmen sich ihren Aufgaben in Toulouse, Bilbao und Mailand.*




Ich habe gelesen, dass neunzig Prozent jeder Kommunikation nonverbal stattfindet. Diese 90 Prozent muss ich also in meinen 10-prozentigen Kontakten in meiner Vorstellung ergänzen. Eine interessante Aufgabe, anhand weniger Indizien ein Gesamtbild zu entwickeln: Das meiste ist schlichtweg meiner Phantasie überlassen.




Wer ist zum Beispiel Sveto aus Riga, der die schrägen Texte eines russischen Softwareprogramms für Architekten übersetzt und dessen Chatbeiträge extrem einsilbig formuliert sind? Ist er ein Nerd, der mit Wollmütze in beheizten Büroräumen sitzt und Wortkargheit mit Coolness gleichsetzt? Oder ist er einfach ein stiller Mensch, der sich nur auf das Wesentliche konzentrieren möchte und abends Schach spielt, um sich zu entspannen?

Wer ist Chloé aus Toulouse, die immer fünf Mails hintereinander schickt, weil sie jedesmal etwas vergessen hat, und deren Chats mit zahllosen Emoticons geschmückt sind? Hat sie eine chaotische Wohnung, in der alles drunter und drüber geht, während ihre zehn Handys, die sie alle verlegt hat, gleichzeitig klingeln? Vielleicht hat sie einen ruhigen, gemütlichen Mann, der sie über alles liebt?

Wie soll ich mir Miguel aus Bilbao vorstellen, der mir mit seiner Pedanterie auf die Nerven geht, der aber - offenbar zum Ausgleich - eine Hanfpflanze als Profilbild hochgeladen hat? Ist er eigentlich ein leidenschaftlicher Musiker, der nur darauf wartet, bei Feierabend endlich seine Gitarre zu stimmen und seinem Ausdruckswillen freien Lauf zu lassen?  




Und wer sind die Kolleginnen in unserem Büro, denen ich per Chat begegne, als säßen auch sie in Kyoto? In welchen Welten sind sie unterwegs, wenn ihr Blick durch den Raum schweift?

Das Reich der Phantasie verlasse ich am Freitag Abend. Da geht es nämlich in guter englischer Tradition mit meinem Berliner Team in den Pub. Dort kann ich dann wahre Begebenheiten aus dem echten Leben erfahren und lerne ganz ohne mein Zutun die Gesichter zu den Texten kennen, während draußen vor dem Fenster die Wolken vorbeiziehen.




*Anmerkung der Redaktion: Aus Gründen der Diskretion habe ich die Eigennamen und die geographische Lage der Orte leicht verändert.

Sonntag, 17. November 2013

Sprühende Funken


Sylvie Guillem
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"Aber beim Ballett wirst du es nicht rauslassen können", meint ein Kollege, als ich, wütend über meine Überstunden, mir meine Royal-Ballet-Tasche über die Schulter werfe und zum Treppenhaus stürze.

"Oh doch!", entgegne ich, während ich die Tür hinter mir zufallen lasse.

Denn ganz gleich, ob es sich um lyrisch-zartfühlende oder schwungvolle, extrovertierte Passagen handelt - Ballett erfordert Willenskraft. Und dies setzt ein starkes inneres Feuer voraus. 

Jeder Moment verlangt hellwachen Einsatz, Aufmerksamkeit und oft auch Ausdauer. Das muss man wollen - und dafür kann grimmige Entschlossenheit durchaus hilfreich sein.

Dementsprechend tragen einige Elemente die vielsagenden Bezeichnungen battu (geschlagen), frappé (geklopft), coupé (geschnitten), jeté (geworfen), brisé (zerbrochen), piqué (gestochen), chassé (gejagt) oder, wenn man es noch weiter treiben will: batterie (Schlagabfolge), oder grand battement jeté (großer geworfener Schlag) - und die Liste lässt sich weiter fortsetzen.

Auch Drehungen sind nicht unbedingt dahingeschmolzene "creamy pirouettes" - so gehört auf einem Probenvideo des Londoner Royal Ballet. Daneben gibt es sogenannte fouettés (gepeitscht), bei denen ein Bein energisch ausschlägt, während der Körper sich in hohem Tempo um die eigene Achse dreht.

Die berühmtesten Fouettés werden von der bösen Zauberin aus Schwanensee, auch bekannt als Schwarzer Schwan, getanzt - ganze 32, wenn sie richtig gut - oder besser gesagt: richtig böse ist.

Hier ist sie. Meine Lieblingstänzerin Sylvie Guillem, voller Kampfeslust, im schwarzen Tutu, unterstützt von einem laut schmetternden Orchester.


Sylvie Guillem
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Wenn ich also ein Fouetté und dergleichen tanze - eins oder gefühlte Hunderte davon, erlebe ich, wie die aufgeheizte Energie nach außen geschleudert wird, wie Funken, die kurz und heftig aufblitzen, um dann im Nichts zu verschwinden.  

Dabei kann ich "es rauslassen", definitv. 


Mittwoch, 13. November 2013

Tango und das Spiel mit den Entscheidungen




Soll ich diesen Weg nehmen oder doch lieber den anderen? War das jetzt wirklich richtig, und wohin wird mich das führen? Wenn ich zuviel über Entscheidungen nachdenke, weiß ich: Ich muss mal wieder Tango tanzen.


Tango ist ein improvisierter Tanz. Auf der Basis bestimmter Elemente ergeben sich unendlich viele Möglichkeiten der Kombination, die jeder Tänzer nach Belieben selbst gestalten kann. 

Dies will geübt sein. Der oder die Führende kann zwar einzelne Schrittfolgen planen, hat jedoch zugleich die Aufgabe, jederzeit auf die Situation im Tanzsaal und auf Vorschläge der Folgenden zu reagieren. Die oder der Folgende muss sich in die Lage versetzen, unvorhersehbare Führungsimpulse aufzunehmen. Beide brauchen hierfür eine paradoxe Mischung aus Spannung und Entspannung, aus Aufmerksamkeit und Durchlässigkeit. Letztlich weiß keiner, was als Nächstes geschieht. Und so wie kein Partner dem anderen gleicht, wird auch jeder Tanz ein neues Kunstwerk, eine neue Erfahrung sein.




Das Spiel mit Freiheit und technischen Vorgaben, mit eigenen Ideen innerhalb fester Bewegungsstrukturen kann ein kreatives Feuerwerk entfachen - auch oder gerade dann, wenn es von Missverständnissen begleitet wird. Auch dies ist ein Teil des Tanzes. Ein reaktionsschneller Partner wird auf fast alles eine Antwort finden.

Die eigentliche Herausforderung liegt bei demjenigen, der den vermeintlich falschen Schritt gemacht hat. Denn so groß die Versuchung sein mag, einen Schritt nachträglich zu korrigieren, so viel schöner ist es für den Tanzfluss, wenn die Tänzer zu ihren Entscheidungen stehen. Zeig deinem Partner, wo du bist, meinte meine Tangolehrerin - dann kann er darauf reagieren. Dann kann sich vielleicht eine elegante Lösung oder ein neuer Weg ergeben. Schritte im Tango müssen klar sein, damit ein Dialog entstehen kann.


Galeries Lafayette, Berlin

Den eigenen Raum unzweideutig einzunehmen, damit es weitergeht, das ist etwas, das ich beim Tango lerne. Und es ist noch mehr als das. Tango ist eine ständige Übung im Umgang mit Unplanbarkeit: Ich kann meine Schritte und Entscheidungen weder später ändern noch im voraus kontrollieren. Aber ich kann in meiner Achse stehen, mit jedem Schritt neu, ganz gleich, ob dieser ungünstig, genau passend oder wagemutig war.

Die Musik spielt weiter, es ist schon zu spät für die Frage, was gewesen wäre, wenn... - und wo wir ankommen werden, ist offen. Wer zuviel festhält oder plant, hat schon verloren. Die Aufmerksamkeit gilt dem Jetzt, dem Moment, der, kaum geschehen, schon wieder vorbei ist und somit auch immer neue Chancen bereithält. Nächstes Mal anders, vielleicht besser - oder nochmal ganz genauso, weil's so schön war.




Sonntag, 3. November 2013

Das Geheimnis des Spagats


Quelle: balletmasterclass.com
Copyright: Daria Klimentova 


Der Spagat war immer eines meiner Sehnsuchtsobjekte. Wer den Spagat ausführen kann, so scheint mir, hat Zugang zu einem Aspekt des Tanzens oder des Erlebens, der mir noch verschlossen ist. 

Technische Fähigkeiten haben mich als Selbstzweck noch nie interessiert. Sie können aber den tänzerischen Ausdruck unterstützen und vertiefen, und, so meine ich, auch das Erleben, das hinter diesem Ausdruck liegt - wenn nicht sogar Erfahrungen ermöglichen, die einem in dieser Form bislang unbekannt waren. Was hat es also auf sich mit dem Spagat?


Vladimir Malakhov
Quelle: staatsballettberlin.wordpress.com

Im Yoga heißt der Spagat Hanuman-Asana - frei nach der Legende des Affengottes Hanuman. Diese geht in Kürze etwa so:

Fürst Rama war ein kluger und gerechter Herrscher, der hohes Ansehen in seinem Königreich genoss. Der Dämonengott Ravana war eifersüchtig auf ihn, und als er erfuhr, dass Rama die Liebe der liebreizenden Sita gewonnen hatte, entführte er sie und brachte sie mit seinem Himmelswagen an einen unbekannten Ort. Verzweifelt irrte Fürst Rama durch das ganze Land, bis er in den Wäldern auf den gewaltigen Hanuman traf.

Hanuman, Sohn der Winde, war mit übermenschlichen Kräften gesegnet, denn er war in der Lage, jede Gestalt anzunehmen, die er wollte, und er konnte fliegen. Er versprach Rama, ihm bei der Suche behilflich zu sein, und schon bald hatte er Sitas Aufenthaltsort ausfindig gemacht. Um seine Aufgabe zu meistern, versank er zunächst in tiefe Meditation und bat die Götter um Gnade. Dann sprang er mit einem einzigen großen Satz von der indischen Küste bis nach Lanka, um Sita zu befreien.

Aus Respekt vor dieser Meisterleistung wurde dieser Riesenschritt Hanuman-Asana genannt - und gilt seitdem als Sinnbild für die Überwindung von Hindernissen.

Quelle: balletto.net

Im Ballett wird der Spagat als fliegender Sprung getanzt. Selbstverständlich erhöht dies seine Attraktivität noch um ein Vielfaches.

Bisher bin ich noch mit einer Vorübung zum grand jeté beschäftigt. Die sieht so aus: Einen Fokus setzen, mit vielen Schritten Anlauf nehmen, springen, und möglichst weich auf einem Bein landen. Die Arme dürfen währenddessen noch fliegen, wohin sie wollen. Da dies bei mir, sagen wir mal, ausbaufähig ist, werde ich es sicher noch unzählige Male üben.

Denn ich will das lernen. Ich meine, das ist doch was: Einen Ozean überqueren, einen Dämonen besiegen, und auf dem Weg dahin spüren, wie einem der Wind um die Ohren saust. 


Sylvie Guillem
Quelle: lefigaro.fr
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Mittwoch, 30. Oktober 2013

20 Fragen an dich




Als Antwort auf "20 Dinge über mich", mit denen sich gerade viele in ihren Blogs vorgestellt haben, erlaube ich mir, mich dir mit "20 Fragen an dich" vorzustellen - inspiriert von der vorletzten Seite der "Vogue", wo es heißt: "Erfahren sie etwas über sich - und über die Fragestellerin". Viel Spaß! 

***************

Was würdest du gern noch unzählige Male tun?

Wenn du eine geometrische Form wärst, was wärst du dann? 

Singst du oder fluchst du im Straßenverkehr?

Ist es wichtig, immer verstanden zu werden?

Magst du Menschen auch dann, wenn sie dir ein Rätsel sind?

Bei welchen Menschen bist du positiv voreingenommen?

Ist es möglich, ohne Kunst zu leben?

Wie oft am Tag denkst du an die Objekte deines Begehrens?

Wieviel Phantasie fügst du deinen Erinnerungen hinzu?

Was sind deine Ausreden?

Sind die Spannungsfelder in deinem Leben eine Quelle der Kreativität?

Gibt es eine Gesetzmäßigkeit, die du gern außer Kraft setzen würdest?

Rebellierst du im geheimen oder offen?

Wie beeinflusst du das Weltgeschehen?

Warst du schon einmal in jemanden verliebt, der gänzlich unmöglich ist?

Hörst du Straßenmusikern zu?

Was machst du mit der Tatsache, dass wir nicht wissen, warum wir hier sind?

Wen würdest du als Schauspieler/in gerne spielen: den positiven, den zwiespältigen oder den korrupten Charakter?

Könnte alles ganz anders sein, als du denkst? 

Genug gefragt?

********************


Samstag, 5. Oktober 2013

Allegro con grazia





Quelle: Wikipedia



Einen Moment lang traue ich meinen Ohren nicht.

Die Leiterin des Tanztheater-Workshops hat Musik zum Thema "Erinnerungen" angekündigt, und wir hatten etwas Eingängiges, Tanzbares erwartet. Stattdessen erklingt der zweite Satz aus Tschaikowskis 6. Sinfonie, und nun sollen wir daraus eine tänzerische Idee entwickeln.

Ich kenne das Allegro con grazia. Ich weiß noch, wie es uns in zahlreichen Orchesterproben mit einer Besonderheit herausforderte: Es wurde im Fünfviertel-Takt komponiert. Und dieser hat einen sehr eigenwilligen Charakter.

Wir sind noch lange nicht bei Brubecks jazzigem Take Five angekommen. Wir befinden uns in Russland, im Jahr 1892. Tschaikowski schaut in seiner Sinfonie auf ein Leben voller Rückschläge zurück, und dafür hat er eine Taktart gewählt, der sich dem ordnenden klassischen Ohr widersetzte.

Dabei erscheint das Allegro con grazia zunächst wie ein Lichtblick in der sonst sehr düsteren Sinfonie. Doch was wie ein Walzer anmutet, erhält durch den 5/4-Takt einen eigenartig stolpernden Charakter. Dies wird durch den Kontrast zur verspielten Melodiestimme noch verstärkt, wodurch eine geradezu spukhafte, gespenstische Stimmung entsteht.

Wer aufmerksam hinhört, merkt sehr bald: Das hier ist kein heiterer Tanz, ist keine Reminiszenz an glückliche Zeiten. Nicht die Melodie, sondern der darunter liegende Rhythmus gibt dem Stück Gestalt und Charakter. Und was tänzerisch daherkommt, ist in Wahrheit voller hintergründiger Bedrohlichkeit. 

Für uns Musiker war es unmöglich, uns mitreißen zu lassen: Wer nicht wachsam war und strikt mitzählte, wurde prompt aufs musikalische Glatteis geführt und flog aus dem Takt. Später noch unterstützt durch eine stetig pochende Pauke, flüstert einem die Metrik warnend zu: Achtung! Hier ist nichts so, wie es scheint.

Dies also ist mein Beitrag zum Tanztheater-Workshop:

Ein Schwarm pastellfarbener Wesen schwebt über die Tanzfläche - sie sind die Verkörperung von Illusionen und verklärenden Erinnerungen. Ihr Tanz wird durchkreuzt von fünf unförmigen Figuren, die sie immer wieder daran hindern, ihre Bewegungen elegant zu vollenden. Vergeblich ist ihr Versuch, den Raum in ein Traumland zu verwandeln. Diese Fünf sind diejenigen, die hier den Takt angeben, mit unbeugsamer und beschwörender Beharrlichkeit.

Eins zwei drei vier fünf...
Eins zwei drei vier fünf...
Eins zwei drei vier fünf...


Tschaikowski, Sinfonie Nr. 6 "Pathétique"
2. Satz: Allegro con grazia
Orchestra del Teatro alla Scala di Milano, Yuri Termikanov
No copyright infringements intended

Sonntag, 15. September 2013

Ein einfaches Danke




"Ein einfaches 'Danke' ist die kostengünstigste Möglichkeit, Ihre Mitarbeiter zu motivieren und damit Ihre Produktivität zu steigern", lese ich in einem meiner zu lektorierenden Texte. Es handelt sich um ein Training für Manager, entwickelt von einer global agierenden Firma aus den USA.

Während ich noch überlege, ob ich den Erfolg dieses Unternehmens durch eine krude Übersetzung untergrabe, kommt mir eine geniale Geschäftsidee.

Wenn ein einziges Wort unmittelbar zur Gewinnmaximierung führen kann, dann lassen sich sicher noch viele weitere rentable kleine Wörter finden. Ich beschließe, mit dem durchweg positiven Wort "Ja" zu starten. Dieses werde ich gezielt einsetzen, um Menschen in ihrem Leben auf die Sprünge zu helfen.

Mein "Ja" richtet sich an alle Menschen, die eine schwierige Aufgabe zu meistern haben - eine Prüfung bestehen, eine neue Arbeit finden, einen Partner zurückgewinnen und vieles andere mehr.

Auf die ängstlich-besorgte Frage: "Meinst du, ich schaff das?" gibt es von mir umgehend die Antwort "Ja". 

Die Bezahlung staffelt sich nach der Zahl der zusätzlich gesprochenen Wörter:

- "Ja": 1 Euro
- "Ja, du schaffst das!" 4 Euro
- "Ja, du schaffst das, denn du bist stark!" 8 Euro

Bei Antworten, die Hintergrundwissen verlangen, verdoppelt sich der Preis. Beispiel:

- "Ja, du schaffst das, denn du hast schon ganz andere Dinge im Leben gemeistert!" 28 Euro

Art der Übermittlung: E-Mail oder SMS. Soll das "Ja" mit einem Lächeln via Skype begleitet werden, ist ein Aufschlag von 20 Euro zu zahlen, denn Augenkontakt erhöht die nutzbringende Wirkung.

Das "Ja" ist endlos wiederholbar und lässt sich auch als Gesamtpaket mit Mengenrabatt buchen, denn solche Situationen kommen im Leben ja bekanntlich immer wieder vor.

Da die Zahl derer, die ein "Ja"oder ein Lächeln gebrauchen können, immer größer wird, ist dies eine regelrechte Marktlücke, in die ich jetzt zielstrebig vorstoßen will. 

Wie, das geht so nicht?

Get real, Baby. Das nennt sich unternehmerisches Denken und ist der Königsweg zu Aufschwung und Erfolg.

Um weiteren Cashflow zu generieren, stelle ich auch gleich eine Reihe Praktikantinnen ein. Du solltest überdurchschnittlich engagiert sein; Bezahlung gibt es keine, dafür erwarten dich gewinnbringende Einblicke in ein stetig expandierendes Unternehmen.

Ach, und gleich vorneweg: Danke, Mädels.

 ***

für Gisela, der ich diese Frage schon eine Million Mal stellen durfte.


Eine Blitzhochzeit zwischendurch





Wie erwartet ist mein neuer Job als Lektorin von Übersetzungen sehr abwechslungsreich, und ich lerne nebenbei neue Welten, Wörter und Denkweisen kennen, die mir bisher unbekannt waren.

Unter vielem anderen reichen die Themen meiner Texte von Untertitelungen für Dokumentarfilme (horizonterweiternd) über Protokolle von Betriebsversammlungen (streng geheim!), Erziehungsmethoden für Roboter (sehr lustig), Anleitungen zu neuen Technologien (informativ und mühsam), bis hin zu meiner neuen Vorliebe - juristischen Texten jeglicher Art (die gleichermaßen unterhaltsam und herausfordernd sind).

Die Texte purzeln in unsystematischer Reihenfolge in mein Mailtool, sollen paradoxerweise flink und zugleich präzise in zwei Sprachen parallel gelesen, korrigiert oder neu übersetzt werden, um dann frisch verpackt bei unseren vielfältigen Kunden zu landen.

Dies alles erfordert ein hohes Maß an gedanklicher Flexibilität und Konzentration - und wenn dann eine gewisse Unterzuckerung erreicht ist, gibt es ein kleines Leckerchen für zwischendurch.




Die süße Pause besteht aus Werbetexten für einen bekannten Kaffeehändler, die ich in der Originalsprache hier sicher nicht zitieren darf. Würde ich jedoch einen ihrer französischen Texte wörtlich übersetzen, würden dabei Sätze wie folgende auftauchen:

♥♥ Verheiraten Sie Kaffeesorte X mit Schokoladentäfelchen Y und steigern Sie Ihren Genuss bis hin zu einem Moment himmlischer Ekstase. ♥♥

Appetit?

Schade nur, dass das im Deutschen so nicht geht - viel zu direkt klingt das in unseren Ohren, die wir für spielerische Zwischentöne keine Worte haben. Und so wird daraus für die deutsche Broschüre ein Satz, der statt Lust auf Schokolade und anderes mehr bestenfalls ein Gefühl von Langeweile auslöst. Der Übersetzerin ist nichts eingefallen, mir, der Lektorin, auch nicht.




Aber man sollte es sowieso nicht zu weit treiben mit der Schlemmerei. Meine ökologisch bewusste deutsche Seele findet nämlich, dass diese Kaffeemaschinen mitsamt ihren zahllosen Alupads reines Gift für die Umwelt sind. Die französische Sprache fühlt da anders. Für sie sind "Stromfresser" niedliche "gourmands en énergie" - wörtlich: gefräßige Energie-Naschkatzen.

Noch Einwände? Na dann guten Appetit allerseits!




Montag, 2. September 2013

Ein cambré renversé für Andreas


Rudolf Nureyev, 1966
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Nach einer schier endlosen Sommerpause hat meine Lieblingstanzschule wieder ihre Türen geöffnet. Ich komme etwas früher, und beim Betreten des Raums schlägt mein Herz sofort höher. Meine fellow dancers sind auch schon da, und offenbar freuen sich alle darauf, endlich weitertanzen zu können. Sie schlagen Räder, balancieren auf den Händen und lassen sich locker in den Spagat fallen, während ich - nicht weniger genussvoll - eine  langsame Drehung übe.

Meine Drehung heißt cambré renversé (etwa: "zurückbeugen und umkippen") und ist einer der schönsten Schritte im klassischen Tanz. Ein cambré renversé hat einen sehr weichen Charakter. Statt Planung und Präzision erfordert er Loslassen, Vertrauen und die Hingabe an einen Moment der Ungewissheit.

Der Oberkörper wird nach hinten fallengelassen und nimmt den gesamten Körper in eine Drehung mit, in der die Balance nahezu aufgegeben wird. Auch die Augen halten sich nirgends fest; stattdessen begleiten sie die Bewegung, wodurch ein leicht ekstatisches Schwindelgefühl erzeugt wird. Das Tempo ist langsam, als wollten die hervorgerufenen Empfindungen sich noch mehr in der Zeit ausdehnen.

Ein cambré renversé ist ein sehr gefühlvoller Moment, eine Hommage an die Gegenwart und an die Vorfreude auf weitere ebenso gegenwärtige Momente, deren Gestalt sich nicht vorhersehen lässt, doch die mit Sicherheit eintreffen werden. 

Ich widme diese Drehung meinem Freund Andreas, der noch nicht weiß, wann und in welcher Form er zum Tanz zurückkehren wird.


Rudolf Nureyev, Swan Lake solo, 1966 
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Sonntag, 18. August 2013

Spiegelneurone




Unser Körper ist ein Wunderwerk. In Notsituationen eilen ganze Heerscharen von Hormonen und Helferzellen verschiedener Art zu Hilfe, um Körper und Seele Beistand zu leisten.

Vor einigen Jahren fand ich mich wegen einer bedrohlichen Verletzung an der linken Hand meiner wichtigsten Ausdrucksmöglichkeiten beraubt. Ich konnte nicht schreiben, keine Musik machen und natürlich auch nicht tanzen. Derart zum Verstummen gezwungen, suchte ich nach einem Weg, dennoch Teil der Welt, und vor allem der Tanzwelt, zu bleiben. 

Damals war ich begeisterte Tangotänzerin, und von meinen Lehrern Chantal und Sebastian hatte ich gerade erstmals von sogenannten Spiegelneuronen gehört. Spiegelneurone sind Nervenzellen im Gehirn, die nicht nur die Übertragung von Stimmungen und die Entstehung von Mitgefühl bewirken können, sondern auch für Sprache, Denken und Bewegungsmuster zuständig sind. Spiegelneurone reagieren beim Beobachten der Handlungen anderer genauso, als würde man diese selbst ausführen. Darum werden sie auch „Nachahmerzellen“ genannt.

Dank der Spiegelneurone wird zum Beispiel bei Tänzern allein durch Beobachtung anderer Tänzer ein Trainingseffekt ausgelöst. Dabei können sogar Muskeln entstehen, meinte Chantal.

Ebenso ungläubig wie neugierig begann ich, mich intensiver mit dem Zuschauen zu beschäftigen. Dank der DVDs meiner Freunde und Youtube entdeckte ich eine interessante Aufnahme nach der nächsten. Es war überaus spannend, die verschiedenen Tänzer zu beobachten - ihre Kommunikation im Paar, ihre Musikalität, ihren Stil - oder die Aufführung einfach zu genießen.

Ein Video ist mir besonders lebhaft in Erinnerung geblieben, vielleicht, weil mir die Wärme und Fröhlichkeit der spanischen Sommernacht daraus geradezu entgegensprang. Es zeigt das argentinische Tanzpaar Pablo Villaraza & Dana Frigoli auf dem Tangofestival in Sitges.


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Je öfter ich mir die beiden angesehen habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass ich mir Pablos Improvisationstalent und Danas Quirligkeit selbst zu eigen machte, bis ich schließlich in meiner Vorstellung selbst zu einer Gesamtform wurde, die ausgelassen über das Pflaster hüpft.

So habe ich während dieser Monate die ganze Zeit weitergetanzt - das alles dank der Spiegelneurone, die sich engagiert und phantasievoll meiner angenommen haben.

Ein Jahr später war ich auch in Sitges und habe auf der Strandpromenade getanzt.


für Andreas. Du schaffst das!


Tangomaniacs, Sitges

Mittwoch, 31. Juli 2013

Aus den Wolken auftauchen




Morgen ist mein erster Tag an meinem neuen Arbeitsplatz.

Zur inneren Stärkung stelle ich mir vor, dass ich in den Kulissen stehe und mich auf meinen Auftritt vorbereite. Unser Ballettlehrer hat mir gezeigt, wie ich Kraft in die Arme gebe und den Blick weit in den Raum richte. 

Ich stelle mir vor, dass ich den neuen Raum mit einem grand jeté betrete, einem schwungvollen Sprung, bei dem die Beine in der Luft wie im Spagat gestreckt werden. Sprünge sind Ausdruck von Selbstbewusstsein und Lebensfreude.




In seinem wunderbaren Buch "Tanz-Imagination" macht Eric Franklin folgenden Vorschlag: "Stellen Sie sich vor, Sie fliegen durch eine Wolke und tauchen beim Herauskommen auf der anderen Seite ins Sonnenlicht ein." 

Ich denke, dass man mit diesem Bild ziemlich weit kommt, wenn man die Wolkenwand mit der gesamten Körperlänge hinter sich lassen will, um auch wirklich im hellen Licht anzukommen. 

Ich fühle, dass diese Wolke gleich hinter mir liegen wird. Sie hat sich aus den vielfältigen Erfahrungen geformt, die mir bei der Arbeitssuche begegnet sind. Was ich von ihr bekommen habe, ist Kondition. Und die konzentrierte Kraft, die ich im nächsten Moment nutzen werde.

Und jetzt: Sprung.


London, Notting Hill

Dienstag, 30. Juli 2013

Stereotype aus Erdnüssen




"Hör auf mit diesen Stereotypen aus Erdnüssen!" 

... lese ich und versuche zu verstehen, was gemeint ist.

Um mich auf meine neue Arbeitsstelle vorzubereiten, soll ich mich mit Übersetzer-Tools auseinandersetzen. Meiner zukünftigen Chefin zufolge ist das kein Vergnügen. Ich finde das ganz lustig, muss ich sagen.

Neulich habe ich mich mit dem Übersetzer-Tool von Youtube amüsiert. In dem kurzen Clip geht es um den italienischen Balletttänzer Roberto Bolle, der in einem Interview behauptet haben soll, dass er nicht homosexuell sei.

Roberto Bolle sieht aus wie Apollo, spricht die schönste Sprache der Welt und schafft es, auch diejenigen, die andere Tänzer bevorzugen, mit seinem entwaffnenden Lächeln für sich zu gewinnen. Da ist die Frage natürlich durchaus interessant, für wen er zu haben ist.

Um die erhitzte Debatte der italienischen Kommentatoren besser zu verstehen, habe ich den Translator eingeschaltet. Gefunden habe ich eine Diskussion über Vorurteile, Diskriminierung und das Recht auf Privatheit. Dank dem Übersetzertool liest sich das wie ein surrealistisches Gedicht.

Was es mit den phantasievollen Erdnüssen auf sich hat, möchte ich trotzdem gern wissen. Ich schalte auf die italienische Fassung zurück und finde:

"Piantala con questi stereotipi da quattro soldi!"

Von Erdnüssen keine Rede. Ich ziehe das Online-Wörterbuch zu Rate. Dort heißt es:

"romanzetto da quattro soldi" - "Groschenroman", und "per quattro soldi" - "für einen Apfel und ein Ei."

Was also hatte das Tool im Sinn? Etwas später komme ich darauf. Es hat offenbar die englische Sprache dazwischengeschaltet.

Aus "da quattro soldi" wurden "peanuts", und daraus wiederum "Erdnüsse". 

Ob das Tool das immer so macht? Wie dem auch sei: Der Kommentator soll gefälligst die billigen Stereotypen sein lassen.

Ich lese weiter.

"Blasen ist nicht schwul." 
"Wer nicht gerne Blasen weil er sein könnte homosexuell ist dumm und ein Frömmler."

Im Wörterbuch finde ich:

"bolla" - "Blase", "bolle" (Plural) - "Blasen". Wieder was gelernt.

Fazit: Wer mit diesen Tools arbeitet, sollte gut aufpassen, bevor er die Texte freigibt. Und er oder sie muss lernen, nicht nur die Gedankengänge der Autoren, sondern auch die unergründlichen Wege seiner elektronischen Helfer nachzuvollziehen.

Ob das Leben von Lektoren und Übersetzern früher unkomplizierter war?

Es war jedenfalls nicht weniger kreativ. Die schönste Übersetzungsidee fand ein ehemaliger Kollege aus meiner Zeit in Straßburg. Ganz ohne Tools wurde im Abspann einer Fernsehdokumentation "Schirmherr" zu "l'homme au parapluie" - "der Mann mit dem Regenschirm." 

Wir haben nie herausgefunden, wer der geheimnisvolle Mann mit dem Regenschirm gewesen sein mag. Ein Engländer vielleicht? Ach, das sind doch alles Stereotype aus Erdnüssen!

Mein neuer Job jedenfalls verspricht, unterhaltsam zu werden.




Freitag, 26. Juli 2013

Einfache Pirouette



Pirouetten verleihen ein wunderbares Tanzgefühl, wenn man sie voll auskostet und sicher ankommt. Es müssen nicht endlos viele sein - manchmal reicht eine einzige, um dieses Gefühl zu erzeugen.

Für meine letzte Drehung habe ich mir Zeit genommen - um umso glücklicher zu landen.

Ich habe schwungvoll meinen Ausgangspunkt verlassen und mir alles angesehen, was mir auf dem Weg begegnet ist. Ich habe einige Monate in der vibrierenden Metropole London gelebt, habe die französische Lebensart in Lyon genossen, habe mich am bayrischen Charme von Landshut erfreut und mir vorgestellt, wie das Leben in anderen deutschen Städten aussehen könnte.

Lyon

Landshut

Meine Rundreise war lebendig, bereichernd und zuweilen auch schwindelerregend. Als ich gelandet bin, fand mich in Berlin in einem Tanzsaal wieder. Und im selben Moment wusste ich es. Dass ich hier bleiben werde.

Statt in eine Stadt habe ich mich in einen Tanz verliebt. Die Schönheit, die ich gesucht hatte, war plötzlich um mich herum und hat sich als neues Lebensgefühl auf die gesamte Umgebung ausgebreitet. Nicht der Ort hat sich verändert, sondern meine Perspektive.

Beim Tanzen mache ich immer wieder neu die Erfahrung, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Es ist egal, wo ich bin, wenn ich etwas mit Liebe tue und mit Gleichgesinnten teile. 

Und, viel wichtiger noch: Hier in Berlin leben nicht nur meine Tanzfreunde, sondern auch meine liebsten Menschen. Und die werde ich nicht verlassen für denjenigen, der vergeblich versucht hat, mich aus meiner Achse zu werfen. Er ist der Bösewicht, der Widersacher in meinem Ballettmärchen. Er nennt sich Arbeitsmarkt.

Auf der Berliner Bühne nimmt er besonders viel Raum ein. Raffgierig, gnadenlos und ohne Moral trachtet er danach, die Weltherrschaft an sich zu reißen. In abgerissenen Kleidern schleicht er übers Tanzparkett, schneidet fürchterliche Grimassen und murmelt dabei unablässig Drohungen vor sich hin. Und obwohl er schon fast am Boden liegt, versucht er in einem letzten Aufbegehren, die Menschen zu Sklaven und Spielbällen zu machen. 

Doch ich bin nicht Odette aus Schwanensee und hilflos der Macht eines Zauberers ausgeliefert. Ebenso wenig werde ich werde mich zu Tode tanzen, wie die junge Frau aus Sacre.

Ich bin Strawinskijs Feuervogel - ein eigenständiges weibliches Geschöpf, das nicht bereit ist, sich fangen zu lassen. Stattdessen schlage ich dem Widersacher einen Deal vor. Er bekommt eine Feder aus meinem bunt-zersausten Gefieder, und dafür bin ich frei. Die Feder hat magische Kräfte. Damit kann er mich rufen, wenn er mich braucht. Hier in Berlin.



Mittwoch, 17. Juli 2013

Eine tolle choreographische Idee




Ich bin entsetzt. 

Unser Workshop ist gerade zu Ende, da erfahren wir, dass alle Gruppen ihre Ergebnisse vortanzen sollen. 

Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich tanze ja erst seit wenigen Wochen, und ich werde mich nicht verstecken können: Wir sind nur zu zweit. Und jetzt soll ich auf die Bühne. Und das mit einem rosa T-shirt, auf dem "New York City Ballet" steht. 

Zum Glück habe ich einen guten Tänzer an meiner Seite. Und ich habe Übung darin gewonnen, meine Mittänzer zu kopieren. Nicht nur aus Begeisterung, sondern auch, weil ich auf sie angewiesen bin. Sind sie in meinem Blickfeld, bin ich in Sicherheit. Wenn nicht, muss ich, ganz auf mich allein gestellt, das Geschehen um mich herum erfühlen, irgendwie. Die Hälfte der Zeit also, da wir in Diagonalen tanzen und nur zu zweit sind. Das ist neu und verspricht, interessant zu werden.

Nach der Aufführung kommt ein Junge aus der Jazzdance-Truppe auf uns zu und sagt zu mir: "Sie waren das ganze Stück hindurch eine Sekunde später als er, war das Absicht? Das ist eine tolle choreographische Idee!"




Es gibt ein altes Video, wo dies wirklich mit Absicht geschieht. Es zeigt Siegfrieds Begegnung mit dem schwarzen Schwan, getanzt von Nureyev und Svetlana Beriosova. Nureyev scheint hier immer einen Moment zu spät zu sein, er folgt ihr, spiegelt sie, und bringt damit ganz subtil zum Ausdruck, wie er verführt, getäuscht, nahezu willenlos mitgerissen wird - wie einer, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Das ist so gut gemacht, dass ich einen Moment lang Nureyev mit seiner Rolle verwechselt und gedacht habe, er würde dies aus eigenem jugendlichen Enthusiamus tun.  

Der Jazztänzer, der unser Stück ganz unvoreingenommen angeschaut hat, hat umgekehrt reagiert. Aus meinem fehlerhaften Offbeat wurde in seinen Augen eine treffsichere zeitliche Verschiebung, aus Unentschlossenheit kunstvolle Planung.

Was Zuschauer wahrnehmen, ist für die Tänzer offenbar ein Spiel mit Risiko und Glück. Und oft eine interessante Anregung.

Denn es stimmt, ich lasse mich mitreißen - aber nicht willenlos, sondern ganz bewusst. Ich bin hier noch keinem schwarzen Schwan begegnet. Glaube ich jedenfalls.


Für ?, den Jazztänzer. 





Freitag, 5. Juli 2013

Verzauberung






Meine Augen sind überall, nur nicht beim eigenen Tanz. 

Dabei ist der Einsatz des Blicks so wichtig. Er begleitet und ergänzt die Bewegung, gibt Orientierung im Raum und sichert die Balance bei Drehungen. Die Richtung des Blicks sollte nie beliebig sein, sie gehört zur Gesamtbewegung des Körpers und ist Teil der Choreographie. Ich weiß das. Eigentlich. 

Und natürlich sind die Augen auch ein künstlerisches Ausdrucksmittel. Wenn ich mir zum Beispiel Aufführungen mit Rudolf Nureyev und Margot Fonteyn ansehe, fühle ich mich in alte Stummfilme versetzt, so intensiv ist die wortlose Ausdruckskraft, die allein in ihren Blicken liegt.

Wenn alles zusammenkommt und sich mit der Musik verbindet, entsteht ein Kunstwerk, das die Zuschauer ebenso sprachlos macht.

Ich könnte zahllose Videos hochladen, nur um zu illustrieren, welches Schauspiel sich mir in meinen Ballettkursen bietet. Dort kann ich diese tanzenden Geschöpfe live erleben - "little swanies", wie unser Lehrer uns neulich liebevoll nannte - gleich ganz viele von ihnen, und keiner dieser Swanies ähnelt dem anderen.



Meine Mittanzenden sind so vielfältig, so bunt, so individuell, so interessant, dass mein Blick gar nicht weiß, auf wen er sich zuerst richten soll. Die meisten von ihnen sind fortgeschrittene Tänzer, die unseren Vorabendkurs nur zum Aufwärmen nutzen, doch sie widmen sich den tänzerischen Aufgaben mit Leidenschaft. Ich möchte mir alles von ihnen abgucken - ihr Wissen, ihre Technik, ihr Ausdrucksvermögen - möchte mich von ihrer Dynamik anstecken lassen und gleichzeitig ihre Schönheit bewundern. Meine Augen können nicht von ihnen lassen, sie schweifen hierhin und dorthin und wieder woandershin.

Dabei entgeht mir auch nicht, wie zielgerichtet sie ihren Blick mit ihren Bewegungen verbinden - ganz anders als bei mir, denn statt den eigenen Tanz zu führen, folgt mein Blick nur ihnen. Vielleicht ist er ja doch fokussiert, auf seine Art?