Dienstag, 28. Mai 2013

Ich bin falsch




Perfekte Linien, eine fehlerfreie Ausrichtung, ein vollendeter Ausdruck - unsere Ideale können dazu führen, dass wir uns gar nichts mehr trauen, sagt meine Tanzimprovisations-Lehrerin. Vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, drücken wir uns lieber an der Wand herum, statt uns im Raum zu bewegen. Besser ist es, selbstbewusst falsch zu tanzen. Ich mache es euch vor.

Rose kommt aus Rio de Janeiro, ist gerade sechzig geworden, sprüht vor Temperament und ist Tänzerin bis in die Fingerspitzen. Es ist immer wieder eine Freude, ihr zuzuschauen. Auch jetzt. 

Sie beginnt zu tanzen, expressiv und dynamisch wie immer, tritt dann einmal kräftig daneben und sagt, mit dem charmantesten aller Lächeln: Ich bin falsch! 




Jetzt sind wir an der Reihe. Wir tanzen drauflos, egal, welche Schritte wir vergessen haben, egal, wie miserabel wir unsere Technik finden oder wie fit wir uns heute fühlen. Und stehen zu dem, was wir machen. Der Tanz verändert sich. Die falschen Schritte fügen sich ein in den Tanz, geben ihm neue Impulse, verleihen ihm ganz von selbst Ausdruck. Die Narrenfreiheit macht es plötzlich einfach. Ich brauche hier nichts richtig zu machen. Schaut alle her: Ich bin falsch. Yeah! 

Es macht Spaß, einfach loszumachen, Vorstellungen sausen zu lassen, sich nicht ums Ergebnis zu kümmern. Es macht Spaß, sich vertrauensvoll überraschen zu lassen von dem, was dann passiert.

Macht es hundertmal falsch und irgendwann klappt's. Oder... es klappt etwas ganz anderes. 

Hauptsache, ich tanze. Und lebe.


Tanzladen, Berlin

Sonntag, 26. Mai 2013

Ein glücklicher Zufallsfund




"Dann lass uns doch nach nebenan zum Ballett gehen", sagt eine Frau aus meinem Tanz-Improvisations-Kurs zu mir, als wir erfahren, dass die Stunde ausfällt.

Zum Ballett? Meine letzte Ballettstunde war irgendwann in meiner Kindheit. Und damals schon war Ballett alles andere als "in". Ballett?! Wie ungesund, unfrei und unzeitgemäß! hieß es. Wer es trotzdem liebte, behielt das besser diskret für sich. Ich habe mich natürlich auch woanders umgeschaut, schließlich wollte ich kein rosa Mädchen sein. Doch heute Abend reißt mein Bewegungsdrang mich mit.

Und ich erlebe Erstaunliches.




Ich betrete einen großen Raum und sehe eine bunte Truppe von Tänzern jeden Alters, darunter viele Männer, die mit Warm-Ups unterschiedlichster Art beschäftigt sind. Ballett scheint für sie einfach ein Teil ihres vielfältigen Tänzerlebens zu sein. Unser Lehrer, der frisch aus London nach Berlin gekommen ist, unterrichtet ideenreich, modern und dynamisch. Von verstaubter Monotonie keine Spur.




Und es ist unglaublich: Der Körper vergisst tatsächlich nichts. Das Gefühl für die Bewegungen ist sofort wieder da, als wäre keine Zeit vergangen. Es ist fast so, als hätte er nur darauf gewartet, sie wiederzufinden. Plötzlich wird mir bewusst, dass meine Ballett-Erfahrungen in den anderen Bewegungsformen, denen ich mich seither gewidmet habe, immer lebendig waren, und sie - fast im verborgenen - bereichert und ergänzt haben.




Also, ich gebe es zu: Ich liebe Ballett immer noch. Die Anmut und Eleganz der Bewegungen. Die klaren Strukturen, die sich mit einem ganz individuellem Ausdruck verbinden lassen. Die vibrierende Energie, die durch das gemeinsame Tanzen in der Gruppe entsteht. Die Intensität, die sich entwickelt, wenn sich bewegliche Skulpturen im Raum bilden, wieder auflösen, wieder neu bilden. Der Boden unter meinen Füßen, der mit der Klaviermusik mitschwingt und die Basis ist für das, was meine Heiterkeit heute Abend noch verstärkt: Drehungen und Sprünge.




Denn damit ist nichts vergleichbar: mit großen Sprüngen den Raum zu erobern, zu fliegen, und vielleicht noch einen Moment länger in der Luft zu verharren.

Das fühlt sich dann so an:
http://www.youtube.com/watch?v=fHD6Ly0oYpA

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Wie das bei mir selbst aussieht, ist gerade nicht so wichtig. Wichtiger sind das Erleben und die Konzentration: Die wechselnden Positionen der Arme und Füße, der Fokus des Blicks, die Bewegungsrichtung im Raum, die unendlich kombinierbaren Schrittfolgen - all das will koordiniert werden, synchron sein mit der Musik, und, als Krönung des Ganzen, einen künstlerischen Ausdruck finden.

Alle Sinne sind hellwach, und in dieser Wachheit wird alles andere unwichtig. Sehnsucht oder Trauer, Fernweh oder Heimweh, der anhaltende Regen um uns herum - alles verschwindet im gegenwärtigen Moment. In einem Moment des Glücks.

Für dieses Erleben brauche ich nicht weit zu reisen. Ich kann einfach in die Tanzschule zwei Straßen weiter gehen. Das Glück ist nah. Ich will unbedingt wiederkommen.

Ich mache jetzt also Ballett. Nicht weitersagen!





Freitag, 10. Mai 2013

Radelnd durch Lavendelfelder - Südliche Träume


Landshut, Ladenterrasse

Da ist sie wieder, meine Lieblings-Phtantasie. Sie lässt sich nicht vertreiben, ganz gleich, wie viel Reiseerfahrung ich haben mag. Es ist Frühling, ich bin in Bayern auf dem Land, und schon ist sie wieder da. Sie geht so:

Ich fahre mit dem Fahrrad einen Feldweg entlang, durch sanfte grüne Hügel, in einem wehenden, leichten Sommerkleid. Das Fahrrad hat vorn einen Korb. Im Korb befindet sich frisches Gemüse vom Markt. Es ist ein warmer Tag im Mai - eigentlich ist immer Mai, vielleicht auch Spätsommer. Ich habe den ganzen Tag nichts weiter zu tun, als ein ausladendes Abendessen vorzubereiten. Dann sitzen wir mit unseren Freunden fröhlich und entspannt im Garten - Grillen zirpen, Flaschenkorken ploppen, und alles duftet nach frischen Kräutern und Lavendel. Wie in einem französischen Film.






bei Mittenwald

Das alles ist nur im Süden vorstellbar, Himmelsrichtung der Sehnsucht und des ewigen Glücks.

Die Realität habe ich anders erlebt. In meiner Zeit in Frankreich habe ich weit weniger "liberté toujours" kennengelernt, als das Klischee besagt. Gerade der lebensfrohe Süden kann in manchen Gegenden verschlossen und konservativ sein - in Südfrankreich ebenso wie in diesem ganz eigenen Land namens Bayern. Die traumhafte Umgebung geht nicht für jeden einher mit einem lebbaren Alltag, vor allem dann, wenn man von woanders kommt und einem vieles unverständlich bleibt. 






bei Mittenwald

Und dennoch lassen sich meine Erfahrungen bereitwillig austricksen von einem unwiderstehlichen inneren Impuls, der die Schönheit der Landschaft mit der Vorstellung von einem paradiesischen Zustand verbindet. Ich bin nicht die Erste, die so empfindet - "der Süden" war schon immer ein Mythos in Malerei und Literatur.

Und das mit Grund: Es ist wirklich wunderschön hier. Man kann frei atmen, und dank der frischen Luft schmeckt das Essen ganz ohne Gewürze. Die Augen können frei umherschweifen und genießen. Das südliche Licht lässt die Natur weich, warm und heiter erscheinen. Alles strahlt Fülle und Lebensfreude aus. Die bayerische Landschaft ist selbstbewusst und großzügig und zeigt, was sie hat. Kurz: sie macht glücklich.


Mittenwald, am Fuß des Karvendel-Gebirges

Somit liegt in meinen südlichen Träumen durchaus eine klare Aussage. Ich will an einem Ort leben, an dem ich atmen kann - dazu gehört ein freier Geist ebenso wie ein weiter Himmel. Da ich nicht die fahrradfahrende Upper-Class-Lady aus der Provence bin, muss eine Arbeit her. Darin bin ich ebenso beharrlich wie meine Lieblings-Phantasie.

Und dann wird nur noch geradelt und auf dem Markt eingekauft. Mit einem großen Korb. Wie im Film.



Donnerstag, 9. Mai 2013

Mit der Karwendelbahn in die Alpen




Ha! Liebliches Mittenwald, diese Landschaft hast du verdient. Deine Berge zeigen dir, wie das Leben auch sein kann - düster, rau und gefährlich. Und ehrlich.








Wir fahren mit der Drahtseilbahn - der sogenannten Karwendelbahn - nach oben. Es ist neblig und verschneit, und den Passamani-Rundweg zu laufen, ist tatsächlich ein gefahrvolles Unterfangen.






Leider stelle ich ziemlich bald fest, dass ich nicht schwindelfrei bin. Während meine Freundin sich mutig auf den Weg macht, laufe ich zum Berghütten-Café zurück und genieße das Panorama von dort. Die auf dem Weg entstandenen Fotos sind von ihr.


Landestelle der Karwendelbahn, Café und Riesenfernrohr













Ab hier ist man in Österreich


Der Himmel voller Geigen, die Straßen voller Missklänge - Mittenwald






Mittenwald wirkt wie eine Puppenstube aus dem Mittelalter.

Alles ist klein und hübsch und idyllisch, und niemand stört das jahrhundertealte Glück.

Fast alle Gebäude sind mit bunten Bildchen angemalt. Die "Lüftlmalerei" hat eine lange Tradition in Oberbayern. Sie hat sich zur Aufgabe gemacht, die Fassaden von Häusern, Gaststätten und Kapellen in eine Art Bilderbuch zu verwandeln. Geschichten aus der Bibel und dem Alltag von anno dazumal werden hier festgehalten. Ein beliebtes Objekt dieses Kunsthandwerks ist auch der Kirchturm.


Apostel,
St. Peter und Paul Kirche

Berühmt ist Mittenwald vor allem für seinen Geigenbau, der Ende des 17. Jahrhunderts von Matthias Klotz begründet wurde. Seither hat sich Mittenwald zu einem der bedeutendsten deutschen Zentren des Geigenbaus entwickelt. Überall sieht man Werkstätten von Geigenbaumeistern, und neben der Lüftlmalerei zieren Streichinstrumente in allen Farben und Materialien die Häuser. 







Da ich selbst Geige spiele und schon immer einmal nach Cremona reisen wollte, um dort echte Stradivaris zu bewundern, dachte ich, dass das Geigenbaumuseum in Mittenwald mich sicher auch begeistern würde. Aber der Funke springt nicht über, vielleicht, weil kein Instrument sich besser zur Verkitschung anbietet als eben die Geige. Mir scheint, dass hier nicht wirklich ihr Platz ist. Italienische Werkstätten sehen anders aus, und Geigen passen dort viel besser hin. 


Geigenbaumuseum

Und dann gibt es noch die Tradition der Gebirgsjäger, einer Infanteriegruppe, die im zweiten Weltkrieg zahlreiche Kriegsverbrechen beging, von denen sie heute nichts mehr wissen will. Als wir in unserer Pension ankommen, werden wir gleich eingangs gebeten, am nächsten Morgen möglichst früh zu gehen - die Wirtin möchte pünktlich zur jährlichen Veteranen-Gedenkzeremonie erscheinen. Hoffentlich, so unsere Wirtin, kommen nicht wieder so viele Störenfriede - gemeint sind linke Organisationen, die zu Protestkundgebungen anreisen werden. Warum soll man denn nicht um Gefallene trauern, sagt sie, und außerdem - es seien damals doch alle gezwungen worden, in den Weltkrieg zu ziehen, oder, und es hat doch keiner etwas gewusst, oder?




Sie ist nicht die Einzige, die hier so denkt. Man merkt es an der Gesamtatmosphäre in den Straßen - der 30er-Jahre-Ästhetik der Hausbemalungen und der künstlichen Mittelalter-Romantik, die hübsch machen will, was nie hübsch war und eine beruhigende Beständigkeit suggeriert. Veränderungen, Vergänglichkeit und Umdenken haben hier keinen Zutritt. Daran ändern auch die viertelstündlich bimmelnden Kirchenglocken nichts. Im Gegenteil: Diese bestätigen nur, dass alles so bleiben wird, wie es schon immer war.

Ein dicker Zuckerguss hat das Städtchen eingeschneit und schützt es nun vor der Außenwelt, der Gegenwart und der Wirklichkeit.