Freitag, 21. Juni 2013

A great "ballon"




"Du hängst doch total in der Luft", durfte ich mir von einer Verwandten zum Geburtstag anhören. 

Nun, das ist in der Tat etwas, woran ich intensiv arbeite. 

Meine Vorbilder hierfür habe ich beim Ballett gefunden und in den Videos, die ich gerade aufmerksam studiere. Dort gibt es Tänzer, die sich hoch hinauf in die Luft zu schwingen, und - statt gleich wieder herunterzukommen - dort einen Moment lang gleichsam hängen bleiben, als wäre die Zeit angehalten worden. Beim Lesen der Kommentare habe ich gelernt, dass es hierfür eine eigene Bezeichnung gibt: Ein Tänzer mit ballon besitzt die außerordentliche Fähigkeit, bei einem Sprung in der Luft zu schweben, als wäre er schwerelos. "He/she has a great ballon", schreiben die Kommentatoren voller Bewunderung.




Die erstaunlichsten Beispiele für diesen Flug in Zeitlupe liefert Mikhail Baryshnikov, dessen ballon ich mit angehaltenem Atem hier beobachten konnte, und zwar gleich bei 0.07':

http://www.youtube.com/watch?v=28DPboIunXI
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Eins ist sicher: Diese fliegenden Geschöpfe verfügen über ein geheimes Wissen. Eines, das nicht sofort sichtbar ist. Denn Tänzer sind nicht nur in den Lüften zu Hause.




Niemand weiß so gut um den Boden unter seinen Füßen wie ein Tänzer. Tänzer entdecken und erforschen den Boden jeden Tag neu. Sie kennen nicht nur seine Tragkraft, sondern auch seine Lebendigkeit, in der zugleich eine Aufforderung liegt. Je vertrauter sie mit dem Boden sind, desto leichter werden sie sich durch die Luft bewegen, und desto geschmeidiger wird ihre Landung sein.

Tänzer sind voller Wertschätzung für den Boden. Sie würden sich nie wahllos und behäbig irgendwo fallen lassen. Sie planen eine elegante, musikalische Landung, im richtigen Augenblick, an einem ausgesuchten Ort im Raum. Und in der scheinbaren Selbstvergessenheit ihres Flugs gibt es einen konzentrierten Moment der Entscheidung, der Vorbereitung.

Dieser verlängerte Flugmoment, der außerhalb von Zeit und Wirklichkeit zu sein scheint und dadurch nahezu gefährlich wirkt -  dieser Moment in der Luft ist voller Dynamik, Spannung und Erwartung.

Darum ist es fantastisch, in der Luft zu hängen.




Sonntag, 9. Juni 2013

Das wichtigste Accessoire




Sie tragen und beschützen einen wertvollen Gegenstand durch nächtliche Straßen, finstere Treppenhäuser und überfüllte Garderoben. Dann hängen sie elegant und geduldig an Kleiderständern und Stuhllehnen, viele Stunden lang, manchmal auch die ganze Nacht. Sie halten sich im Hintergrund, doch sie sind das wichtigste Accessoire des Tangotänzers.

Tango-Schuhbeutel sind Kult. Auf der Straße sind sie ein geheimes Erkennungszeichen. Auf der Milonga sind sie ein Statement, ein augenzwinkerndes Statussymbol, ein Sammlerstück, eine Einladung zum Gespräch.

Schuhbeutel haben viel erlebt; sie waren an ganz unterschiedlichen Orten zu Besuch, manche haben sogar Ozeane überquert. Sie sprechen ihre eigene Sprache, wie man an ihren Beschriftungen erkennen kann. Die einen sagen: "Ich war in Buenos Aires!", was einer Art Tango-Taufe gleichkommt, die anderen: "Ich war auf dem Tangofestival in Sitges/Toronto/San Francisco/... !", was augenblicklich Phantasien von außerordentlichen tänzerischen Begegnungen hervorruft.

Dazu gibt es vielfältige Zeichnungen - ein umschlungenes Paar, ein Bandoneon, einen Fächer, ein altes Grammophon, eine Straßenlaterne. Einen singenden Carlos Gardel, mit Hut.






Manche von ihnen lassen ihren Inhalt erahnen. Eine Tänzerin, deren Schuhbeutel mit der Aufschrift "Leading Ladies" aufwartet, trägt möglicherweise sogenannte "Führschuhe" bei sich - Schuhe mit flachen Absätzen oder Sneakers, die in Kombination mit einem femininen Rock sehr sexy aussehen werden. Ebenso lassen "Queertango" und "Neotango" eine nonkonformistische Gesinnung erkennen - die hier versteckten Schuhe sind offenbar zum Führen und Folgen gleichermaßen geeignet. Oder handelt es sich vielleicht um zwei Paare?

Noch gewagtere Varianten sind jene Schuhbeutel, auf denen "Live, love, dance!" steht, oder "New York City Ballet", oder gar "Más Salsa!". Mit Sicherheit werden ihre Tänzer das Geschehen in ungeahnter Weise aufmischen, mit Schuhwerk an den Füßen, das ganz ihrem extravaganten Vorhaben entspricht.




Dann gibt es Aufschriften, die nur langjährige Insider verstehen. Diese kündigen ein Prunkstück an, eine einmalige Ausfertigung, die an den Füßen keiner anderen Tänzerin, keines anderen Tänzers zu sehen sein wird. Wird dies noch ergänzt durch "Artesanal", dann wurden die Schuhe von einem Meister handgefertigt, selbstverständlich nur in Argentinien.

Allen gemeinsam ist jedoch eines: Sie verraten ihren exquisiten Inhalt erst ganz zum Schluss. Bevor dieser das schummerige Licht des Parketts erblicken darf, legt er einen weiten Weg zurück, und seinem unermüdlichen Transportmittel, dem Tangoschuhbeutel, gebührt hierfür alle Ehre.

Mein Schuhbeutel kommt aus einer angesagten Tanzschule in Buenos Aires. Er ist schwarz und hat eine hellblaue Kordel. Auf ihm ist ein Tangopaar abgebildet, das mich aus irgendeinem Grund an den Schwarzweißfilm "The Tango Lesson" erinnert, in dem der berühmte Pablo Veron die Hauptrolle spielt. Diesen Beutel gebe ich nicht her. Auch, wenn er nur noch selten unterwegs ist.

Ich war noch nie in Buenos Aires. Aber ich habe ein Autogramm von Pablo Veron.