Mittwoch, 31. Juli 2013

Aus den Wolken auftauchen




Morgen ist mein erster Tag an meinem neuen Arbeitsplatz.

Zur inneren Stärkung stelle ich mir vor, dass ich in den Kulissen stehe und mich auf meinen Auftritt vorbereite. Unser Ballettlehrer hat mir gezeigt, wie ich Kraft in die Arme gebe und den Blick weit in den Raum richte. 

Ich stelle mir vor, dass ich den neuen Raum mit einem grand jeté betrete, einem schwungvollen Sprung, bei dem die Beine in der Luft wie im Spagat gestreckt werden. Sprünge sind Ausdruck von Selbstbewusstsein und Lebensfreude.




In seinem wunderbaren Buch "Tanz-Imagination" macht Eric Franklin folgenden Vorschlag: "Stellen Sie sich vor, Sie fliegen durch eine Wolke und tauchen beim Herauskommen auf der anderen Seite ins Sonnenlicht ein." 

Ich denke, dass man mit diesem Bild ziemlich weit kommt, wenn man die Wolkenwand mit der gesamten Körperlänge hinter sich lassen will, um auch wirklich im hellen Licht anzukommen. 

Ich fühle, dass diese Wolke gleich hinter mir liegen wird. Sie hat sich aus den vielfältigen Erfahrungen geformt, die mir bei der Arbeitssuche begegnet sind. Was ich von ihr bekommen habe, ist Kondition. Und die konzentrierte Kraft, die ich im nächsten Moment nutzen werde.

Und jetzt: Sprung.


London, Notting Hill

Dienstag, 30. Juli 2013

Stereotype aus Erdnüssen




"Hör auf mit diesen Stereotypen aus Erdnüssen!" 

... lese ich und versuche zu verstehen, was gemeint ist.

Um mich auf meine neue Arbeitsstelle vorzubereiten, soll ich mich mit Übersetzer-Tools auseinandersetzen. Meiner zukünftigen Chefin zufolge ist das kein Vergnügen. Ich finde das ganz lustig, muss ich sagen.

Neulich habe ich mich mit dem Übersetzer-Tool von Youtube amüsiert. In dem kurzen Clip geht es um den italienischen Balletttänzer Roberto Bolle, der in einem Interview behauptet haben soll, dass er nicht homosexuell sei.

Roberto Bolle sieht aus wie Apollo, spricht die schönste Sprache der Welt und schafft es, auch diejenigen, die andere Tänzer bevorzugen, mit seinem entwaffnenden Lächeln für sich zu gewinnen. Da ist die Frage natürlich durchaus interessant, für wen er zu haben ist.

Um die erhitzte Debatte der italienischen Kommentatoren besser zu verstehen, habe ich den Translator eingeschaltet. Gefunden habe ich eine Diskussion über Vorurteile, Diskriminierung und das Recht auf Privatheit. Dank dem Übersetzertool liest sich das wie ein surrealistisches Gedicht.

Was es mit den phantasievollen Erdnüssen auf sich hat, möchte ich trotzdem gern wissen. Ich schalte auf die italienische Fassung zurück und finde:

"Piantala con questi stereotipi da quattro soldi!"

Von Erdnüssen keine Rede. Ich ziehe das Online-Wörterbuch zu Rate. Dort heißt es:

"romanzetto da quattro soldi" - "Groschenroman", und "per quattro soldi" - "für einen Apfel und ein Ei."

Was also hatte das Tool im Sinn? Etwas später komme ich darauf. Es hat offenbar die englische Sprache dazwischengeschaltet.

Aus "da quattro soldi" wurden "peanuts", und daraus wiederum "Erdnüsse". 

Ob das Tool das immer so macht? Wie dem auch sei: Der Kommentator soll gefälligst die billigen Stereotypen sein lassen.

Ich lese weiter.

"Blasen ist nicht schwul." 
"Wer nicht gerne Blasen weil er sein könnte homosexuell ist dumm und ein Frömmler."

Im Wörterbuch finde ich:

"bolla" - "Blase", "bolle" (Plural) - "Blasen". Wieder was gelernt.

Fazit: Wer mit diesen Tools arbeitet, sollte gut aufpassen, bevor er die Texte freigibt. Und er oder sie muss lernen, nicht nur die Gedankengänge der Autoren, sondern auch die unergründlichen Wege seiner elektronischen Helfer nachzuvollziehen.

Ob das Leben von Lektoren und Übersetzern früher unkomplizierter war?

Es war jedenfalls nicht weniger kreativ. Die schönste Übersetzungsidee fand ein ehemaliger Kollege aus meiner Zeit in Straßburg. Ganz ohne Tools wurde im Abspann einer Fernsehdokumentation "Schirmherr" zu "l'homme au parapluie" - "der Mann mit dem Regenschirm." 

Wir haben nie herausgefunden, wer der geheimnisvolle Mann mit dem Regenschirm gewesen sein mag. Ein Engländer vielleicht? Ach, das sind doch alles Stereotype aus Erdnüssen!

Mein neuer Job jedenfalls verspricht, unterhaltsam zu werden.




Freitag, 26. Juli 2013

Einfache Pirouette



Pirouetten verleihen ein wunderbares Tanzgefühl, wenn man sie voll auskostet und sicher ankommt. Es müssen nicht endlos viele sein - manchmal reicht eine einzige, um dieses Gefühl zu erzeugen.

Für meine letzte Drehung habe ich mir Zeit genommen - um umso glücklicher zu landen.

Ich habe schwungvoll meinen Ausgangspunkt verlassen und mir alles angesehen, was mir auf dem Weg begegnet ist. Ich habe einige Monate in der vibrierenden Metropole London gelebt, habe die französische Lebensart in Lyon genossen, habe mich am bayrischen Charme von Landshut erfreut und mir vorgestellt, wie das Leben in anderen deutschen Städten aussehen könnte.

Lyon

Landshut

Meine Rundreise war lebendig, bereichernd und zuweilen auch schwindelerregend. Als ich gelandet bin, fand mich in Berlin in einem Tanzsaal wieder. Und im selben Moment wusste ich es. Dass ich hier bleiben werde.

Statt in eine Stadt habe ich mich in einen Tanz verliebt. Die Schönheit, die ich gesucht hatte, war plötzlich um mich herum und hat sich als neues Lebensgefühl auf die gesamte Umgebung ausgebreitet. Nicht der Ort hat sich verändert, sondern meine Perspektive.

Beim Tanzen mache ich immer wieder neu die Erfahrung, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Es ist egal, wo ich bin, wenn ich etwas mit Liebe tue und mit Gleichgesinnten teile. 

Und, viel wichtiger noch: Hier in Berlin leben nicht nur meine Tanzfreunde, sondern auch meine liebsten Menschen. Und die werde ich nicht verlassen für denjenigen, der vergeblich versucht hat, mich aus meiner Achse zu werfen. Er ist der Bösewicht, der Widersacher in meinem Ballettmärchen. Er nennt sich Arbeitsmarkt.

Auf der Berliner Bühne nimmt er besonders viel Raum ein. Raffgierig, gnadenlos und ohne Moral trachtet er danach, die Weltherrschaft an sich zu reißen. In abgerissenen Kleidern schleicht er übers Tanzparkett, schneidet fürchterliche Grimassen und murmelt dabei unablässig Drohungen vor sich hin. Und obwohl er schon fast am Boden liegt, versucht er in einem letzten Aufbegehren, die Menschen zu Sklaven und Spielbällen zu machen. 

Doch ich bin nicht Odette aus Schwanensee und hilflos der Macht eines Zauberers ausgeliefert. Ebenso wenig werde ich werde mich zu Tode tanzen, wie die junge Frau aus Sacre.

Ich bin Strawinskijs Feuervogel - ein eigenständiges weibliches Geschöpf, das nicht bereit ist, sich fangen zu lassen. Stattdessen schlage ich dem Widersacher einen Deal vor. Er bekommt eine Feder aus meinem bunt-zersausten Gefieder, und dafür bin ich frei. Die Feder hat magische Kräfte. Damit kann er mich rufen, wenn er mich braucht. Hier in Berlin.



Mittwoch, 17. Juli 2013

Eine tolle choreographische Idee




Ich bin entsetzt. 

Unser Workshop ist gerade zu Ende, da erfahren wir, dass alle Gruppen ihre Ergebnisse vortanzen sollen. 

Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich tanze ja erst seit wenigen Wochen, und ich werde mich nicht verstecken können: Wir sind nur zu zweit. Und jetzt soll ich auf die Bühne. Und das mit einem rosa T-shirt, auf dem "New York City Ballet" steht. 

Zum Glück habe ich einen guten Tänzer an meiner Seite. Und ich habe Übung darin gewonnen, meine Mittänzer zu kopieren. Nicht nur aus Begeisterung, sondern auch, weil ich auf sie angewiesen bin. Sind sie in meinem Blickfeld, bin ich in Sicherheit. Wenn nicht, muss ich, ganz auf mich allein gestellt, das Geschehen um mich herum erfühlen, irgendwie. Die Hälfte der Zeit also, da wir in Diagonalen tanzen und nur zu zweit sind. Das ist neu und verspricht, interessant zu werden.

Nach der Aufführung kommt ein Junge aus der Jazzdance-Truppe auf uns zu und sagt zu mir: "Sie waren das ganze Stück hindurch eine Sekunde später als er, war das Absicht? Das ist eine tolle choreographische Idee!"




Es gibt ein altes Video, wo dies wirklich mit Absicht geschieht. Es zeigt Siegfrieds Begegnung mit dem schwarzen Schwan, getanzt von Nureyev und Svetlana Beriosova. Nureyev scheint hier immer einen Moment zu spät zu sein, er folgt ihr, spiegelt sie, und bringt damit ganz subtil zum Ausdruck, wie er verführt, getäuscht, nahezu willenlos mitgerissen wird - wie einer, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Das ist so gut gemacht, dass ich einen Moment lang Nureyev mit seiner Rolle verwechselt und gedacht habe, er würde dies aus eigenem jugendlichen Enthusiamus tun.  

Der Jazztänzer, der unser Stück ganz unvoreingenommen angeschaut hat, hat umgekehrt reagiert. Aus meinem fehlerhaften Offbeat wurde in seinen Augen eine treffsichere zeitliche Verschiebung, aus Unentschlossenheit kunstvolle Planung.

Was Zuschauer wahrnehmen, ist für die Tänzer offenbar ein Spiel mit Risiko und Glück. Und oft eine interessante Anregung.

Denn es stimmt, ich lasse mich mitreißen - aber nicht willenlos, sondern ganz bewusst. Ich bin hier noch keinem schwarzen Schwan begegnet. Glaube ich jedenfalls.


Für ?, den Jazztänzer. 





Freitag, 5. Juli 2013

Verzauberung






Meine Augen sind überall, nur nicht beim eigenen Tanz. 

Dabei ist der Einsatz des Blicks so wichtig. Er begleitet und ergänzt die Bewegung, gibt Orientierung im Raum und sichert die Balance bei Drehungen. Die Richtung des Blicks sollte nie beliebig sein, sie gehört zur Gesamtbewegung des Körpers und ist Teil der Choreographie. Ich weiß das. Eigentlich. 

Und natürlich sind die Augen auch ein künstlerisches Ausdrucksmittel. Wenn ich mir zum Beispiel Aufführungen mit Rudolf Nureyev und Margot Fonteyn ansehe, fühle ich mich in alte Stummfilme versetzt, so intensiv ist die wortlose Ausdruckskraft, die allein in ihren Blicken liegt.

Wenn alles zusammenkommt und sich mit der Musik verbindet, entsteht ein Kunstwerk, das die Zuschauer ebenso sprachlos macht.

Ich könnte zahllose Videos hochladen, nur um zu illustrieren, welches Schauspiel sich mir in meinen Ballettkursen bietet. Dort kann ich diese tanzenden Geschöpfe live erleben - "little swanies", wie unser Lehrer uns neulich liebevoll nannte - gleich ganz viele von ihnen, und keiner dieser Swanies ähnelt dem anderen.



Meine Mittanzenden sind so vielfältig, so bunt, so individuell, so interessant, dass mein Blick gar nicht weiß, auf wen er sich zuerst richten soll. Die meisten von ihnen sind fortgeschrittene Tänzer, die unseren Vorabendkurs nur zum Aufwärmen nutzen, doch sie widmen sich den tänzerischen Aufgaben mit Leidenschaft. Ich möchte mir alles von ihnen abgucken - ihr Wissen, ihre Technik, ihr Ausdrucksvermögen - möchte mich von ihrer Dynamik anstecken lassen und gleichzeitig ihre Schönheit bewundern. Meine Augen können nicht von ihnen lassen, sie schweifen hierhin und dorthin und wieder woandershin.

Dabei entgeht mir auch nicht, wie zielgerichtet sie ihren Blick mit ihren Bewegungen verbinden - ganz anders als bei mir, denn statt den eigenen Tanz zu führen, folgt mein Blick nur ihnen. Vielleicht ist er ja doch fokussiert, auf seine Art?