Sonntag, 15. September 2013

Ein einfaches Danke




"Ein einfaches 'Danke' ist die kostengünstigste Möglichkeit, Ihre Mitarbeiter zu motivieren und damit Ihre Produktivität zu steigern", lese ich in einem meiner zu lektorierenden Texte. Es handelt sich um ein Training für Manager, entwickelt von einer global agierenden Firma aus den USA.

Während ich noch überlege, ob ich den Erfolg dieses Unternehmens durch eine krude Übersetzung untergrabe, kommt mir eine geniale Geschäftsidee.

Wenn ein einziges Wort unmittelbar zur Gewinnmaximierung führen kann, dann lassen sich sicher noch viele weitere rentable kleine Wörter finden. Ich beschließe, mit dem durchweg positiven Wort "Ja" zu starten. Dieses werde ich gezielt einsetzen, um Menschen in ihrem Leben auf die Sprünge zu helfen.

Mein "Ja" richtet sich an alle Menschen, die eine schwierige Aufgabe zu meistern haben - eine Prüfung bestehen, eine neue Arbeit finden, einen Partner zurückgewinnen und vieles andere mehr.

Auf die ängstlich-besorgte Frage: "Meinst du, ich schaff das?" gibt es von mir umgehend die Antwort "Ja". 

Die Bezahlung staffelt sich nach der Zahl der zusätzlich gesprochenen Wörter:

- "Ja": 1 Euro
- "Ja, du schaffst das!" 4 Euro
- "Ja, du schaffst das, denn du bist stark!" 8 Euro

Bei Antworten, die Hintergrundwissen verlangen, verdoppelt sich der Preis. Beispiel:

- "Ja, du schaffst das, denn du hast schon ganz andere Dinge im Leben gemeistert!" 28 Euro

Art der Übermittlung: E-Mail oder SMS. Soll das "Ja" mit einem Lächeln via Skype begleitet werden, ist ein Aufschlag von 20 Euro zu zahlen, denn Augenkontakt erhöht die nutzbringende Wirkung.

Das "Ja" ist endlos wiederholbar und lässt sich auch als Gesamtpaket mit Mengenrabatt buchen, denn solche Situationen kommen im Leben ja bekanntlich immer wieder vor.

Da die Zahl derer, die ein "Ja"oder ein Lächeln gebrauchen können, immer größer wird, ist dies eine regelrechte Marktlücke, in die ich jetzt zielstrebig vorstoßen will. 

Wie, das geht so nicht?

Get real, Baby. Das nennt sich unternehmerisches Denken und ist der Königsweg zu Aufschwung und Erfolg.

Um weiteren Cashflow zu generieren, stelle ich auch gleich eine Reihe Praktikantinnen ein. Du solltest überdurchschnittlich engagiert sein; Bezahlung gibt es keine, dafür erwarten dich gewinnbringende Einblicke in ein stetig expandierendes Unternehmen.

Ach, und gleich vorneweg: Danke, Mädels.

 ***

für Gisela, der ich diese Frage schon eine Million Mal stellen durfte.


Eine Blitzhochzeit zwischendurch





Wie erwartet ist mein neuer Job als Lektorin von Übersetzungen sehr abwechslungsreich, und ich lerne nebenbei neue Welten, Wörter und Denkweisen kennen, die mir bisher unbekannt waren.

Unter vielem anderen reichen die Themen meiner Texte von Untertitelungen für Dokumentarfilme (horizonterweiternd) über Protokolle von Betriebsversammlungen (streng geheim!), Erziehungsmethoden für Roboter (sehr lustig), Anleitungen zu neuen Technologien (informativ und mühsam), bis hin zu meiner neuen Vorliebe - juristischen Texten jeglicher Art (die gleichermaßen unterhaltsam und herausfordernd sind).

Die Texte purzeln in unsystematischer Reihenfolge in mein Mailtool, sollen paradoxerweise flink und zugleich präzise in zwei Sprachen parallel gelesen, korrigiert oder neu übersetzt werden, um dann frisch verpackt bei unseren vielfältigen Kunden zu landen.

Dies alles erfordert ein hohes Maß an gedanklicher Flexibilität und Konzentration - und wenn dann eine gewisse Unterzuckerung erreicht ist, gibt es ein kleines Leckerchen für zwischendurch.




Die süße Pause besteht aus Werbetexten für einen bekannten Kaffeehändler, die ich in der Originalsprache hier sicher nicht zitieren darf. Würde ich jedoch einen ihrer französischen Texte wörtlich übersetzen, würden dabei Sätze wie folgende auftauchen:

♥♥ Verheiraten Sie Kaffeesorte X mit Schokoladentäfelchen Y und steigern Sie Ihren Genuss bis hin zu einem Moment himmlischer Ekstase. ♥♥

Appetit?

Schade nur, dass das im Deutschen so nicht geht - viel zu direkt klingt das in unseren Ohren, die wir für spielerische Zwischentöne keine Worte haben. Und so wird daraus für die deutsche Broschüre ein Satz, der statt Lust auf Schokolade und anderes mehr bestenfalls ein Gefühl von Langeweile auslöst. Der Übersetzerin ist nichts eingefallen, mir, der Lektorin, auch nicht.




Aber man sollte es sowieso nicht zu weit treiben mit der Schlemmerei. Meine ökologisch bewusste deutsche Seele findet nämlich, dass diese Kaffeemaschinen mitsamt ihren zahllosen Alupads reines Gift für die Umwelt sind. Die französische Sprache fühlt da anders. Für sie sind "Stromfresser" niedliche "gourmands en énergie" - wörtlich: gefräßige Energie-Naschkatzen.

Noch Einwände? Na dann guten Appetit allerseits!




Montag, 2. September 2013

Ein cambré renversé für Andreas


Rudolf Nureyev, 1966
I do not own the video from which I took this photo

Nach einer schier endlosen Sommerpause hat meine Lieblingstanzschule wieder ihre Türen geöffnet. Ich komme etwas früher, und beim Betreten des Raums schlägt mein Herz sofort höher. Meine fellow dancers sind auch schon da, und offenbar freuen sich alle darauf, endlich weitertanzen zu können. Sie schlagen Räder, balancieren auf den Händen und lassen sich locker in den Spagat fallen, während ich - nicht weniger genussvoll - eine  langsame Drehung übe.

Meine Drehung heißt cambré renversé (etwa: "zurückbeugen und umkippen") und ist einer der schönsten Schritte im klassischen Tanz. Ein cambré renversé hat einen sehr weichen Charakter. Statt Planung und Präzision erfordert er Loslassen, Vertrauen und die Hingabe an einen Moment der Ungewissheit.

Der Oberkörper wird nach hinten fallengelassen und nimmt den gesamten Körper in eine Drehung mit, in der die Balance nahezu aufgegeben wird. Auch die Augen halten sich nirgends fest; stattdessen begleiten sie die Bewegung, wodurch ein leicht ekstatisches Schwindelgefühl erzeugt wird. Das Tempo ist langsam, als wollten die hervorgerufenen Empfindungen sich noch mehr in der Zeit ausdehnen.

Ein cambré renversé ist ein sehr gefühlvoller Moment, eine Hommage an die Gegenwart und an die Vorfreude auf weitere ebenso gegenwärtige Momente, deren Gestalt sich nicht vorhersehen lässt, doch die mit Sicherheit eintreffen werden. 

Ich widme diese Drehung meinem Freund Andreas, der noch nicht weiß, wann und in welcher Form er zum Tanz zurückkehren wird.


Rudolf Nureyev, Swan Lake solo, 1966 
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