Mittwoch, 25. Dezember 2013

Verwandtschaft


Copyright: Frekerika Davis, 1963

"Ist das ein Verwandter?", fragte mich gestern eine Kollegin, nachdem ich mir ein neues Hintergrundbild auf meine Bildschirme hochgeladen habe. Vermutlich wollte sie damit eine direktere Frage vermeiden, doch ich gebe gern Auskunft.

Das hier ist Rudolf Nurejew.

Ein Blick auf das Bild, immer mal zwischendurch, genügt, um mir neuen Schwung zu verleihen. Denn was dabei auf mich überspringt, ist eine elektrisierende Lebendigkeit und Intensität. 

Ich sehe einen Tänzer mit zersausten Haaren, dessen unerschrockener Blick ein stürmisches Temperament erkennen lässt, und der zugleich mit einer großen Feinheit und Präzision seine Arme und Hände platziert. 

Offenbar weiß er genau, was er vorhat. Sein Blick ist hellwach und konzentriert, doch scheinen seine Augen nicht nach außen gerichtet zu sein und nach etwas greifen zu wollen, sondern werden gleichsam nach innen, auf den Tanz gelenkt.

Die Position der Arme verrät nicht, was er tanzen wird. Ebensowenig lässt sich aus seiner Kleidung schließen, wo er sich gerade befindet. Denn dies hat keine Bedeutung. Ganz gleich, ob er sich vor einem Bühnenpublikum oder in der persönlichen Atmosphäre eines Probenraums befindet, ob er sich auf eine mehrfache Drehung vorbereitet oder gerade eine ruhige Phrase beendet - er gibt jedem Moment, jeder noch so geringfügigen Bewegung seine ganze Aufmerksamkeit, wie ein inneres Pulsieren, das jede Faser seines Körpers mit Leben erfüllt.

Seine gesamte Körperhaltung, so scheint mir, bringt die Leidenschaft, Unbedingtheit und Hingabe zum Ausdruck, mit der er sich dem Tanz widmet. Daraus entsteht eine Präsenz, die er wie ein großzügiges Geschenk an alle verteilt, die ihn sehen können - und sei es auf einer fünfzig Jahre alten Fotografie.

Was für ein Ansporn, auch nur entfernt mit Rudolf Nurejew verwandt zu sein. 


Fortsetzung folgt...

Samstag, 14. Dezember 2013

Gegenenergien



I do not own this foto

Ich muss mir eine Strategie einfallen lassen, dachte ich gestern wieder auf der Arbeit, und nachdem ich abends Tanzen war, wusste ich, was zu tun ist.

Eine der Tanztechniken, mit denen wir uns gerade beschäftigen, ist der Einsatz von Energie und Gegenenergie. Dabei wird jede Bewegung von einer Energie in die entsprechende Gegenrichtung begleitet.

Wenn ich zum Beispiel für eine Balance nach oben gehe, bewegt sich die Energie zugleich nach unten. Ebenso stelle ich mir bei der Aufwärtsbewegung einer Pirouette vor, wie ich mich nach unten in den Boden schraube. Gehe ich dagegen in die Knie, spüre ich zugleich einen Zug nach oben. Das Gleiche passiert bei Schritten nach rechts, links, vor, zurück und so weiter.

Die Vorstellung gegenläufiger Energien gibt Halt bei Balancen und Gleichgewicht bei Drehungen, verleiht ein Gefühl von Leichtigkeit bei Sprüngen und lässt einen weichen und harmonischen Tanzfluss entstehen.

An meiner Arbeitsstelle geht sämtliche Energie nach oben: Geistige Aktivität, erhöhtes Tempo, unvermittelte Richtungswechsel, Sprünge verschiedenster Art... - all dies würde mich schon bald aus der Achse werfen, wenn ich nicht eine solide, entsprechend starke Gegenenergie zum Einsatz bringen würde.

Diese baue ich jetzt immer folgendermaßen auf: Ich stelle mir vor, wie ich nach und nach um ein Vielfaches größer, schwerer und dickhäutiger werde, bis ich mich in einen riesenhaften Wasserkoloss verwandelt habe.

Meine Umgebung ist warm und gemütlich, und mein Lebensgefühl ist geprägt von Wohlbehagen und Ruhe. Als Pflanzenfresserin kann ich mir das Jagen sparen; lieber gehe ich ungestört grasen. Ansonsten verbringe ich den Großteil des Tages in heimelig-seichten Gewässern. Ich muss ja nur knapp über der Wasseroberfläche auftauchen, um atmen, sehen, riechen und hören zu können. Mehr brauche ich nicht, um zufrieden zu sein.

Es wundert nicht, dass eine wie ich in der modernen Welt zu den bedrohten Arten gehört. Doch schaut uns an mit unserer Langsamkeit, unserer Genussfähigkeit, unserem schwergewichtigen Widerstand gegen all die überflüssige Betriebsamkeit - es ist so wichtig, dass es uns gibt.


I do not own this foto


Sonntag, 8. Dezember 2013

Geflügelte Füße


Giambologna: Mercurio, 1580, Firenze
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Das wusste ich bisher noch nicht. Während wir uns an der Attitude versuchen, erwähnt mein neuer Ballettlehrer beiläufig, dass diese Position vom "Fliegenden Merkur" inspiriert wurde, der in Florenz zu sehen ist.


Offenbar ist Merkur einer, dem man überall begegnet. In der Tat war Merkur, auch Hermes genannt, ein viel gefragter griechischer Gott, der für vielfältige Aufgaben zuständig war. Als Gott der Magie und der Träume, der Wanderer und Reisewege, des Denkens und der Redekunst, des Handels und der Kaufleute war er rund um die Uhr beschäftigt. Vor allem aber war er der Verkünder der Beschlüsse des Zeus, der Mittler zwischen dem Olymp und der Welt der Sterblichen. Er musste schnell sein als Götterbote - doch dank seiner Flügelschuhe war ihm dies ein Leichtes.

Ebenso vielseitig wie seine Aufgaben waren auch seine Erfindungen: So ersann er die Lyra, die Tonleiter und das griechische Alphabet, entwickelte Sportarten wie Boxen und Turnen und erfand darüber hinaus die Astronomie und die Kunst der Weissagung. Bisexuell und leichtfüßig, wie er war, boten sich ihm dabei genügend Gelegenheiten für diverse Liebschaften, und so bereicherte er die Welt mit zahlreichen Nachkommen.

Kein Wunder also, dass Merkur zum Olymp gehörte. Es gab offenbar nichts, was ihm schwerfiel - auch nicht das Halten einer Attitude.

Die Bronzestatue von Giovanni di Bologna, auch bekannt als Giambologna, zeigt ihn mit einem geflügelten Helm und geflügelten Füßen. Anmutig und schwerelos schwingt Merkur sich in die Lüfte. In der einen Hand hält er den magischen Hermesstab, mit dem er Träume bewirken kann. Mit seiner erhobenen Rechten deutet er dorthin, woher alle Weisheit kommt.


Und so stelle ich mir seither beim Tanzen der Attitude Folgendes vor: Meine Schuhe haben Flügel und verleihen ein Gefühl von Leichtigkeit und Mühelosigkeit, während mein Körper Himmel und Erde zu einer harmonischen Linie verbindet. Dabei frage ich mich: Welche Botschaft der Götter kann ich vernehmen, und welchen Traum will ich vermitteln? 


Roberto Bolle
Foto: Rosalie O'Connor

Angel Corella
Foto: Mary Cargill

Alina Cojocaru
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Samstag, 7. Dezember 2013

Meine ersten... Warm-up Booties


Vladimir Malakhov
Staatsballett Berlin
Foto: Mark Mattingly

Nein, ich werde hier kein Foto mit meinen ersten seidenen Spitzenschuhen posten. Ich habe etwas viel Cooleres. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, das mich ganz besonders beglückt hat.

Das Präsent sind ein Paar Schuhe namens Warm-up Booties. Gedacht sind diese für professionelle Tänzer, die sich viele Stunden im Probenraum aufhalten und darauf achten müssen, dass ihr Körper, ihre Muskeln und vor allem auch ihre Füße nicht abkühlen.  

Warm-up Booties sind weich, einladend und geräumig, und dank ihrer werden die Zeit vor der Probe und die Pausen zu einer wahren Erholung, denn man bewegt sich in der beruhigenden Gewissheit, dass die eigenen Füße in Sicherheit sind.

Denn kaum etwas ist so wichtig für einen Tänzer wie die Füße. Sie lassen einen drehen und springen und wohlbehalten landen. Sie sind kraftvoll und äußerst sensibel zugleich. Und erst durch sie entwickelt sich die Linie einer Pose zu vollendeter Eleganz. So ist es nur angemessen, wenn man sich ihnen zum Jahresende mit Dankbarkeit zuwendet.

Warm-up Booties dienen dem Aufwärmen und Warmhalten zugleich; damit unterstützen sie nicht nur die freudige Vorbereitung, sondern versprechen auch Beständigkeit und Kontinuität - einen ganzen Tanztag und viele weitere Tanztage hindurch. Und so werden sie von Tänzern getragen, die noch viel vorhaben und ihrem Tänzerleben wertschätzend und vorausschauend entgegensehen. 

Wie die Schläppchen, die man in der allerersten Ballettstunde getragen hat, bringen die ersten Warm-up Booties Glück, Geborgenheit und Zuversicht für eine lange Tänzerzukunft.


Van Le Ngoc coaching Junor Souza and Elena Glurdjidze
English National Ballet
Photography: Bex Singleton

Dutch National Ballet
Copyright: Marc Haegeman



Natalia Ossipova und Ivan Vasiliev
Bolshoi Ballet Moskau
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Beatrice Knop
Staatsballett Berlin
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Todestag




Du denkst, du kannst jede und jeden haben, und behältst Recht damit. Die Gründlichkeit, mit der du dabei vorgehst, ist ungeheuerlich. Doch nie würdest du dich selbst in Frage stellen.

Du tauchst auf, wann immer es dir passt, raubst den Menschen ihre Liebsten, brichst ihnen das Herz, und statt daraufhin zu verschwinden, heftest du dich ihnen an die Fersen, bis du ihnen irgendwann gar nicht mehr von der Seite weichst.

Du bist nicht zu übersehen, und doch ist es unmöglich, sich auf dich einzustellen. Denn ganz gleich, wie oft du zur Tat schreitest - du bist in der Lage, einem Erfahrungen zu bescheren, die ihresgleichen suchen in ihrer Unbeschreiblichkeit und Einmaligkeit. 

Kein Wunder, dass du dir deiner selbst so sicher bist. Siegesgewiss und großspurig breitest du dich im Laufe eines Menschenlebens immer weiter aus und besetzt nach und nach noch die verstecktesten Winkel, ganz so, als wäre alles dein.

Doch dabei passiert noch etwas anderes: Je präsenter du bist, desto stärker werden deine Gegenspieler: Lebendigkeit, Liebe und Erinnerung. 

Respekt, Tod.



Montag, 2. Dezember 2013

Wörter




Wie alle Lebewesen brauchen Wörter die Gesellschaft anderer, um sich in einem sinngebenden Gefüge zugehörig zu fühlen. Sie schließen sich verschiedenen Gemeinschaften an, und je nachdem, mit wem sie sich zusammentun, verändern sie Ausdruck und Ausstrahlung.

Manche geraten in schlechte Gesellschaft, andere bilden eine Gang, um zu provozieren, wiederum andere finden ihre idealen Seelenverwandten und entfalten sich gemeinsam zu einem einzigartigen Ensemble, das anderen zum anregenden Begleiter wird.

Im Zuge der Industrialisierung veränderte sich auch die Stellung der Wörter in der Gesellschaft. Wörter wurden von nun an gezählt, gewogen und gemessen, um daraufhin als Gruppe einen Wert zugewiesen zu bekommen. 

Dabei entstand auch das Phänomen der Zwangsgruppierung. Wörtergruppen sollten nunmehr leicht verdaulich und verwertbar sein, sich zu Paketen bündeln und zu gezielten Zwecken einsetzbar gemacht werden. Mit der Einführung von Maschinen wird diese Idee seither immer weiter perfektioniert.

Ein Schicksal, das auch jene Wörtergruppen betrifft, die sich mit denen aus anderen Ländern verständigen wollen. Statt einem Vermittler werden diese nun in Fabriken sogenannten Translation Machines zugeteilt. Die Wörtergruppen der einen Sprache werden in die Maschinen geworfen, gemixt und verarbeitet, um in der jeweils anderen Sprache ausgeworfen zu werden.

An den Fließbändern sitzen Übersetzer und Lektoren, die überprüfen sollen, ob die Wörter tatsächlich in Reih und Glied aufmarschieren. Für eine kunstvolle Neuordnung oder ein bereicherndes Erweitern der Gruppe bleibt kaum Zeit. Die Mitarbeiter müssen eine bestimmte Anzahl an Wörtern pro Stunde durchschleusen, die weitaus höher ist als das, was ihr wörterliebendes Herz betreuen kann.

Ihrer Beweglichkeit beraubt, müssen die Wörter nunmehr zusammengepfercht im Käfig eingeschränkter Bedeutungen und Horizonte verharren, während sie von all den anderen Wörtern träumen, denen sie gern begegnen würden, und sich die wunderbaren Kombinationen ausmalen, die sie miteinander bilden könnten, wenn man sie in die Freiheit entließe.

Doch wie alle Wesen, die eine Seele haben, können Wörter in ihrem Inneren ungeahnte Energien entwickeln. Ich kann sie spüren -  ihre subversive, brodelnde Kraft. Und ich weiß, dass es Wege gibt, ihnen bei der Vorbereitung auf ihre Revolution zu helfen. Wörter können sich im Untergrund organisieren und Banden bilden. Sie können sich auch zu einem öffentlichen Blogpost formieren. Und das ist erst der Anfang.