Samstag, 25. Oktober 2014

Zephyr, Gott des Westwinds



Ich bin Zephyr, der Gott des Westwinds. Ich bringe den Frühling mit seinen warmen Brisen, und ich bin leichtfüßig, unbeschwert und sanft.

Ich liebe die zarten Farben der erwachenden Natur, die ersten Blütenknospen, sprudelnde Quellen und flirrendes Licht. Und ich liebe Flora, meine Frau.

Flora ist die Göttin der Blüte. Sie ist heiter, gesellig und verspielt. Sie liebt es, sich in fließende Gewänder zu kleiden und ausgelassene Feste zu feiern. Schöner noch als jede Blume ist sie, und mit ihrer überschwänglichen Energie bringt sie alles zum Blühen, was sie berührt. Und mich bringt sie zum Tanzen.

Kaum erblicke ich sie, fliege ich ihr entgegen und beginne, sie wie ein zarter Windhauch zu umwehen. Wie eine melodische Woge umwerbe und umgarne und umtanze ich sie, bis sie einstimmt in unseren gemeinsamen Reigen und sich davontragen lässt, sanft geschaukelt von der weichen Berührung der Luft.




Einmal jedoch hätte ich sie fast verloren. Denn mein Bruder, der klirrend kalte Nordwind, war so verzaubert von ihrem lieblichen Wesen, dass er beschloss, sie zu entführen. Kurzerhand tötete er mich mit einem Pfeil und trug sie in eine Grotte, wo sie vor lauter Angst in Ohnmacht fiel. Doch ich erwachte wieder zum Leben. Neun Musen begleiteten mich zurück zu ihr, meiner Göttin, und seither springen und wirbeln und tanzen wir durch Feld und Flur, für immer verbunden im Frühlingstaumel junger Liebe.

Ich bin Zephyr, der Gott des Westwinds. Ich bin hier, um der Welt Wärme, Glück und Poesie zu bringen.


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Sonntag, 12. Oktober 2014

Verloren auf der Welt




Jetzt hat tatsächlich ein Schriftsteller, den ich für meinen ganz persönlichen Geheimtipp hielt, den Nobelpreis für Literatur bekommen: der französische Autor Patrick Modiano. 

Ich habe alle seine Romane mit ihrem Erscheinen gelesen, obwohl - oder gerade weil - einer dem anderen ähnelt. Es sind seine wiederkehrenden Themen, die mich jedesmal neu berührt haben und die, wie ich meine, nicht nur für seine Generation bedeutsam sind.

Angesiedelt in der Mitte des letzten Jahrhunderts, in der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, handeln seine Romane von Erinnern und Vergessen, von Verlust und Verschwinden, von Unausgesprochenem und Verdrängtem, von Suche und Sehnsucht - und letztlich der Unmöglichkeit, die eigene Identität als ein verständliches, überschaubares Gefüge zu begreifen.

Vor dem Hintergrund eines labyrinthischen Paris, in dem alles rätselhaft, ungefähr, ungewiss bleibt, sucht der Erzähler vergeblich nach einer erklärenden Landkarte: Spuren, die sich gleich wieder verlieren, Geheimnisse, die nie ganz gelüftet werden, der Versuch, nach einem Anhaltspunkt zu greifen, der sich sogleich wieder entzieht - das sind die wiederkehrenden Motive, die die Leserin ebenso im Unklaren zurücklassen wie den Erzähler selbst.

Niemand schildert so suggestiv wie Modiano das Erleben von Heimatlosigkeit, von fehlender innerer Verortung, von Verlorensein auf der Welt. Melancholisch, atmosphärisch, sensibel, aber auch schonungslos ist sein Erzählstil, denn es gibt nie eine Auflösung oder ein Ankommen, nie ein tröstend-erleichtertes Aufatmen.

Was zurückbleibt, ist ein Gefühl von Schweben, das wie eine behutsame Frage im Raum auftaucht und sich dann ebenso lautlos wieder auflöst wie ein Erinnerungsbild.




"Gestern Abend, als ich durch diese vielen Straßen lief, war mir bewusst, dass es dieselben wie früher waren, und doch erkannte ich sie nicht wieder. Weder die Häuser hatten sich verändert, noch die Breite der Gehsteige, aber damals war das Licht anders, und es hing etwas anderes in der Luft..."*

*Patrick Modiano,  "Die Gasse der dunklen Läden", 1978, Übersetzung: Gerhard Heller

Samstag, 11. Oktober 2014

Ein Ort poetischer Inspiration




Cafés sind unverzichtbar für einen glücklichen Alltag. Cafés sind nicht nur Orte zum Innehalten und Genießen, zum Plaudern und Beobachten. Für mich sind sie auch der ideale Platz zum Schreiben. Nirgends kann ich besser meinen Gedanken nachhängen als im Café, nirgends konzentrierter meine Ideen zu Papier bringen, nirgends auch mich verbundener fühlen mit der Tradition schreibender Menschen. 

Und so habe ich mich natürlich auch in Stuttgart nach einem Ort poetischer Inspiration umgesehen. Gefunden habe ich das Teehaus im Weißenburgpark, ein denkmalgeschütztes Jugendstil-Pavillon, gelegen auf einem der vielen Hügel der Stadt. Vom Zentrum aus ist man nach wenigen U-Bahn-Stationen am Ziel, doch man gelangt auch ohne weiteres zu Fuß dorthin. 











Denn um in der Natur zu sein, braucht man hier keinen Ausflug zu machen - man ist sofort dort, sobald einem der Sinn danach steht. So lassen sich jederzeit Stadt und Land verbinden, der urbane Cafébesuch mit einem Spaziergang im Grünen, der Wunsch nach städtischer Dynamik mit einem erholsamen Blick in die Weite.

Während ich also auf der Terrasse sitze und bei einem Espresso all die Pläne, Ideen und Gedanken niederschreibe, die mir so durch den Kopf gehen, lasse ich meine Augen über sanft geschwungene, rebbestockte Hügel schweifen und fühle, wie sich in mir ein Zustand von Ruhe, Harmonie und Zeitlosigkeit entfaltet, wie er typischer nicht sein könnte für eine ausgedehnte nachmittäglich-mediterrane Kaffeepause.

Denn dies ist eine der Besonderheiten von Stuttgart: Es ist umgeben von Hügeln, mindestens sieben an der Zahl. Und damit ist es verwandt mit jener Stadt, in der es den exquisitesten Kaffee der Welt gibt - mit Rom.  


Morgenstimmung, Blick vom Weißenburgpark
Stuttgart, Oktober

Mittwoch, 8. Oktober 2014

The Magic of Dance Knitwear


Maria Kochetkova, San Francisco Ballet
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Mexiko 1.45 a.m.
Berlin 8.54 p.m.
Vancouver 11.54 a.m.
Sydney 5.54 a.m.

So und ähnlich hielten wir uns zwischendurch immer wieder auf dem Laufenden - über die Uhrzeit in unserem Land und damit auch über den jeweiligen Grad unserer Wachheit oder Müdigkeit. Wie schön, Teil einer so großen Community zu sein, dachte ich.

Die Rede ist vom World Ballet Day, an dem einen Tag lang die Proben und Trainingsklassen verschiedener Ballettkompagnien aus mehreren Kontinenten live übertragen wurden. Auch ich habe diesen Tag vor meinem Laptop verbracht. "Zuschauen ist auch Training", tröstete ich meine ballet buddies, die sich an jenem Tag wie coach potatoes fühlten. 

Eines meiner Highlights war zweifellos der überaus unterhaltsame Live-Ticker, der parallel zu den Aufnahmen lief. Hier gingen die Kommentare von "Who is the sexy guy in green?" über Vergleiche verschiedener Tanzstile bis hin zu detaillierten Analysen der Proben, und all das im sprunghaften und sekundenschnellen Wechsel. 

Dass manche Tänzer wie Rockstars gefeiert werden, wusste ich bisher auch noch nicht. Dementsprechend viel Aufmerksamkeit galt auch ihren Outfits. "Morgen mache ich mir die Haare wie sie", schrieb eine Frau über eine Tänzerin vom San Francisco Ballet, "Ich brauche sofort ihr Trikot", eine andere. Für noch größeren Aufruhr sorgte die bunte Strickhose von Steven McRae, dem Megastar des Londoner Royal Ballet. Diese löste einen derartigen Begeisterungssturm aus, dass die Kommentare sich geradezu überschlugen. Plötzlich wollten alle diese Hose tragen - ganz so, als würden die Beine ihre Geschwindigkeit sogleich verdoppeln, wenn sie erst einmal in diese frech gemusterte Wolle gehüllt werden. 

Doch wir Tänzer, die wir in einer Welt der magischen Verwandlungen leben, glauben fest daran, dass Wunder möglich sind. Es sind ja nicht nur hohe Sprünge oder traumwandlerische Arabesken, die wir uns hier zum Vorbild genommen haben - es ist die Strahlkraft, die von Menschen ausgeht, die ihren Traum leben.

Und so bleibt nun die brennende Frage: Wo finde ich Steven McRae's pants? 

Steven McRae und Sarah Lamb
Copyright: ROH, Johan Persson

Steven McRae, The Royal Ballet London
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Samstag, 27. September 2014

Die Rampensau in mir


Emmanuel Thibault, Agnès Letestu
Copyright: IkAubert
                          

Vor uns steht ein Ballettlehrer aus Brasilien - schwarzgelockter Pferdeschwanz, knallenge Hotpants, rot lackierte Fußnägel - und begrüßt uns mit einem vor Temperament sprühenden Blick in die Runde. Ich - dicke wärmende Kleidung, introvertierte Stimmung, und, wie ich meine, zurückhaltende Wesensart - stehe mit abwartender Miene im Raum herum.

Eigentlich ist mir heute nach einer ruhigen Stunde zumute, darum bin ich auch zu diesem Kurs gegangen, der "Yogaballett" heißt. Zu meiner Erleichterung beginnt er dann auch so - mit langsamen, ausgedehnten Atemübungen, durch die sich schon bald der yogische Gleichmut einstellt, der mich alles akzeptieren lässt, was da kommen mag.

So tanze ich ganz unangestrengt durch eine Reihe fließender Übungsfolgen, an deren Ende die traditionelle révérence, die Verbeugung steht. Ich habe hierzu verschiedene Techniken gelernt, doch nicht das, was unser brasilianischer Yogaballettlehrer macht.

Wir stehen auf einer Bühne, vor uns ein großes Opernhaus. Dann öffnen wir unsere Arme. Wir präsentieren uns vor dem ersten Rang, über den wir langsam den Blick schweifen lassen. Dann kommt der zweite Rang: Wir senken die Arme wieder und nehmen sie etwas höher. Dann noch höher, dies ist jetzt der dritte Rang. Wir bedanken uns nacheinander beim Orchester, der Technik und schließlich der Lichtregie, die auch irgendwo oben im Theater sitzt. Bei uns selbst, für das, was wir gegeben haben. Denn wir haben viel zu geben. Darum sind wir hier. 

Und hier nun mein Geständnis: Es war ein ganz unglaubliches Gefühl. Einen weiten Raum auszufüllen. Teil eines großen Ganzen zu sein und damit andere erfreut zu haben. Und das Glück darüber mit einer ausladenden Geste zum Ausdruck zu bringen. 

In mir ist also eine Rampensau. Bevor ich darüber nachdenken kann, wie ich das nun finde, treffen sich unsere Blicke und er sagt, ganz Bühnentänzer: Ja, wie? Natürlich! 


... und hier speziell für dich, @Lovelydays:

Dorothée Gilbert und Mathieu Ganio in "La Sylphide"
Copyright: Blog Une Saison à l'Opéra

Geliebter September




Wenn die Erde noch warm ist von der sommerlichen Sonne, wenn das milde Licht die Wahrnehmung sanft und entspannt werden lässt, und wenn zugleich der erste frische Wind die Luft klarer und leichter macht, dann ist der schönste Monat des Jahres gekommen.  

September ist die Zeit des Wiederfindens und der Neuanfänge. Die Opernhäuser öffnen erneut ihre Türen, die Tanzstudios hängen neue Stundenpläne aus, vertraute Gesichter tauchen wieder auf, und es gibt jede Menge zu erzählen und zu planen. Die Saison kann beginnen.

Auch das neue Schuljahr hat begonnen, und vielleicht wird mich diese Zeit immer an das damit verbundene Lebensgefühl erinnern. Vor mir ein Stapel noch ungelesener Bücher und vor allem leerer Hefte in verschiedenen Formaten, freute ich mich auf die unerforschten Gebiete, die es nun zu erkunden galt. Schreiben war meine Lieblingsbeschäftigung, Papier mein Lieblingsmaterial. Ausgerüstet mit einem Federhalter meiner Wahl, würde ich bald miterleben, wie die unbekannten Gefilde nach und nach Gestalt annehmen und sich mit Leben erfüllen würden.

Nicht eine Zeit des Abschiednehmens ist der September für mich. September ist ein Monat voller Kraft und Energie. Er ist ein Start in eine neue Runde.

Meine Fortbildung beginnt Mitte Oktober. Vorher fahre ich noch einmal in den Süden, wo sich die Wärme noch mehr Zeit lässt, um sich auszudehnen und später umso anhaltender nachwirken zu können. Auf dass der September noch etwas länger dauern möge.


Stuttgart, Blick von der Karlshöhe

Samstag, 20. September 2014

Castings


Marianela Nunez als Tatjana
Photo: Johan Persson

Weil ich einen edlen Federhalter als Lieblingsaccessoire gewählt habe - und vermutlich auch wegen meiner romantischen Wesensart - wurde mir die Rolle der Tatjana in John Crankos Ballett "Onegin" zugeteilt.

Wie schade, denke ich, denn das Casting fand nur im Internet statt, in Form eines lustigen Tests.* Und doch... vielleicht wäre es gar nicht Tatjana, die ich gerne spielen würde. Es gibt so viele spannende Charaktere in Crankos Balletten. Überhaupt frage ich mich: Warum mich einschränken auf eine Figur, die mir - vielleicht nur scheinbar - entspricht? Ist die Bühne nicht ein Ort der Phantasie, ein Ort, an dem alles möglich ist?

Ich würde gern einmal den quirligen Mercutio tanzen, der mit seiner Gewitztheit alle zum Staunen bringt. Den blasierten Onegin, der mit seinem Zynismus sein Lebensglück verspielt, oder die leichtfertige Olga, die mit der Gefühlstiefe ihres Verehrers nichts anzufangen weiß. Mich rückhaltlos hineinwerfen in die erste große Liebe, wie Julia. Als Odile Spaß haben an meiner Durchtriebenheit, als sanftmütige Odette jedoch meinem untreuen Geliebten bereitwillig verzeihen. Und einmal möchte ich mich in Rotbart verwandeln und mit dunklen Riesenflügeln die Welt in Schrecken versetzen.

All dies könnte ich mir vorstellen, zu sein -  stürmisch oder verspielt, empfindsam oder kaltblütig, albern, frech, verzweifelt oder tragisch, ein verliebter Junge, eine Dame von Welt, ein Verräter oder eine Zauberin.

Für die tänzerische Entfaltung muss das unglaublich bereichernd sein: sich in ganz unterschiedliche Menschen hineinzuversetzen, ihre Motive und Gefühle zu erkunden - und dabei festzustellen, dass man das alles insgeheim selbst ist: finster und abscheulich, gutmütig und liebenswert, immer aber auf wunderbare Weise vielschichtig.


Evan McKie als Onegin, Opéra de Paris
Copyright: Michel Lidvac

*www.crankocast.com

Freitag, 19. September 2014

Leningrad 1984




When I began my studies, St. Petersburg was called Leningrad. Gorbachev wasn't in power yet, and contacts with Westerners were forbidden. Nonetheless, I booked a three-week journey with a group of fellow students. 

When we arrived, Leningrad was dark and freezing. The temperature had fallen to minus 30 degrees, and the whole city was snowed under. However, the beauty of the city center was simply breathtaking. 

Just a few minutes' walk away from the centre, it seemed to me that nothing had changed over the last two hundred years. Narrow lanes, old-fashioned lamps, small bridges - it was easy to explore Leningrad as a place of literature, with horse carriages rumbling down the streets and revolutionists lurking round the corners.

Many citizens lived in the suburbs. You got there in a bus whose windows were so frozen that you never knew where to get off. Even the bus drivers got lost. My brother had given me the addresses of his Russian friends. I met them all, with a somewhat naive feeling of conspiracy, and they were welcoming, inspiring, very literate - and often in a rather sinister mood. 

On our way home, a customs official thoroughly searched my baggage, found some letters for my brother, read them all before my very eyes, then rudely seized me by the arm and said: "Out you go". I followed her, terrified. To my bewilderment, I was told to throw the letters into a postbox - without envelopes and address. Back in the train, she looked around and said with a deep sigh: "Oy, what an amount of luggage! Let's call it a day", and left. 

Berlin, 2012



                      Für die, die sich einen Kurzbericht über meinen ersten Besuch in Leningrad gewünscht haben... Der Text entstand in einem der Englisch-Kurse, die auf meine Cambridge-Prüfungen vorbereitet haben. Das Schreiben kurzer Aufsätze gehörte zu unseren wöchentlichen Hausaufgaben. Ich habe diese Aufgabe geliebt und mich jede Woche auf ein neues Thema gefreut. 


Mittwoch, 17. September 2014

Verbindungen und Vernetzungen


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Dass ich Russisch und Französisch studiert habe, mag mich zwar heute etwas ratlos machen - für meine Ballett-Leidenschaft ist es das Beste, was ich damals tun konnte.

Da Frankreich und Russland zu den wichtigsten Ländern in der Ballettgeschichte gehören, stoße ich immer wieder auf russische und französische Interviews und Dokumentationen. Ich freue mich jedesmal, dass ich sie verstehen kann; bei den russischen Texten und Filmen hätte ich das nach all der Zeit ohne Übung nicht erwartet.

Ich möchte so viel wie möglich über diese Kunstform wissen. Wie ein Schwamm sauge ich alles auf, was mir auf dem Weg begegnet, entdecke dabei den schier unerschöpflichen Reichtum dieser Welt - und merke zugleich, wie wenig ich bisher über sie wusste.

Aber es gibt ja verschiedene Social Networks und meine neue Community von Ballettomanen. Einige von ihnen gehen seit vierzig über Jahren ins Theater und verfügen über einen beneidenswerten Erfahrungsschatz, den sie großzügig teilen. Andere, wie ich, haben gerade erst angefangen, sich mit Tanz zu beschäftigen und begegnen dem, was sie dabei erleben, mit frischem und neugierigem Blick. Und während erstere mir in meinen zahlreichen Wissensfragen auf die Sprünge helfen, übersetze ich für die, die es möchten, Auszüge aus den Videos, die wir geteilt haben. Dieser Austausch macht jede Menge Spaß. 

Spaß macht auch, wie ich dabei entdeckt habe, der Umgang mit Social Media, mit deren Möglichkeiten man durchaus auf konstruktive Weise umgehen kann, wenn man sich gezielt einen Bereich sucht, der den Horizont erweitert.

Als mir jedenfalls meine Sachbearbeiterin vom Amt gleich ungefragt eine Fortbildung übergestülpt hat, war mir nach einiger missmutiger Recherche bald klar, dass ich den Bereich Social Media mit aufnehmen werde in mein Lernprogramm, zusätzlich zu den neuesten PC-Programmen, die ich mir als Redakteurin aneignen soll.

Vielleicht werde ich Wege finden, mein neues Wissen in einem sinnvollen Rahmen einzubringen. Ich denke zum Beispiel an die Facebook-Seite vom Stut*tgarter Ballett. Die gefällt mir so gut. 


Montag, 18. August 2014

A Tale of Two Cities


Bunt, tolpatschig, ratlos: Berliner Bär, Arbeitsagentur

An Berlin hänge ich wie an einem alten, zerzausten Teddybären. Oll und abgeschrabbt ist es, aber auch vertraut und lieb gewonnen, nachdem es mich durch so viele Zeiten meines Lebens begleitet hat.

Ich mag Berlin. Berlin, das knallbunt und grau, schillernd und abgestürzt, Heimat und Ort großer Verlorenheit sein kann. Wo jeder tun kann, was ihm gerade einfällt, mit allen Erscheinungsformen, die das haben kann. Um das ein gigantischer Hauptstadt-Hype gemacht wird, und das doch so dörflich sein kann mit seiner Kiez- und Nischenkultur.

Bei allen Widersprüchen ist eines jedoch klar: Für mich wie für viele andere gibt es hier keine berufliche Zukunft. Auch das ist Berlin, oder besser: Auch das ist Berlin geworden. Denn Berlin verändert sich. Es explodiert geradezu in seiner Veränderlichkeit. Das Berlin, an dem ich zu hängen meine, lässt sich kaum noch in Zeit und Raum verorten.

Dann ist da Stuttgart, eine Stadt, die nicht von allen Seiten bestürmt, beleuchtet und beschrieben wird. Denn wenn nach Berlin "alle" wollen, so möchte nach Stuttgart, wenn ich mich so umhöre - niemand. Und das mag einer der Gründe sein, warum die Menschen dort Arbeit haben.

Stuttgart macht wenig Aufhebens um sich selbst, und so muss man es selbst erlaufen und erkunden - um die vielen Ecken seiner Straßen, auch um die Ecken der eigenen Vorstellungen und Erwartungen.

Was ich dabei Schritt für Schritt entdeckt habe, ist eine spannende, weltoffene Stadt. Hier leben Menschen aus allen Teilen der Welt, es gibt eine lebendige Alternativ- und Subkultur, viele Verlage, ein reiches Kulturleben. Die Opernregisseure sind frech und mutig, und wenn das Ballett Uraufführungen auf die Bühne bringt, ist das Haus ausverkauft. Und das alles - wie ich schon mehrfach bestaunen konnte - eingebettet in eine wunderschöne, mediterrane Landschaft.

Das Besondere an der Entdeckung meines Geheimtipps ist jedoch, dass ich diese Stadt gefunden habe, als ich weder einen neuen Ort, noch eine Arbeit gesucht habe. Sie wurde mir quasi geschenkt - durch meine Leidenschaft fürs Ballett, und durch einen Menschen, den ich dabei kennengelernt habe.

Denn ein Arbeitsplatz ist zwar wichtig, aber nicht alles im Leben. Er ist nur eine Komponente des Gesamtbildes, nur ein Teil der Geschichte, die sich aus verschiedenen anderen Elementen gerade neu zusammenfügt.

Wie genau, weiß ich noch nicht, doch ich bleibe dran, an meinen beiden Städten, und ich bin neugierig darauf.


Leuchtend, beweglich, offen für Neues: Merkur, Stuttgart

Donnerstag, 7. August 2014

Die Stille in mir


Alina Cojocaru
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Wenn um bestimmte Phänomene ein großer Hype gemacht wird, sind diese meistens sowieso schon laut, grell und auffällig genug. Eines dieser Phänomene ist die angeblich großartigste Zeit des Jahres, der Hochsommer. Der springt einem geradezu ins Gesicht, schreit einen an, zieht einen ungefragt mitten ins gleißende Licht seiner überfüllten Tanzfläche: Mach mit! Tanz mit! Feier mit! 

Es scheint kein Entkommen zu geben angesichts von soviel Trubel und Sommergebrüll. Und doch muss es einen Weg geben, um in diesem Getöse und Gewimmel nicht unterzugehen, einen Weg, unsere bedrohten Ohren zu schützen, ohne die wir das Gleichgewicht verlieren und umkippen.

Ich habe ein Vorbild hierfür. Sie heißt Alina Cojocaru. Alina ist eine Tänzerin, die fragil, scheu und schutzlos wirkt, eine Frau der leisen Töne, eine, die mit einer sensiblen, subtilen Bewegungssprache ihre Zuschauer berührt. Und die es gleichzeitig fertig bringt, völlig unbeirrt mitten im buntesten Treiben in einer Balance zu stehen. Minutenlang.

Balancen üben wir ständig, und meist bleiben sie ein unerreichter Traum. Anfangs habe ich es mit einem Mantra probiert: Ich bin cool. Das hilft tatsächlich - die Vorstellung, dass ich einen kühlen Kopf habe und ganz und gar ungerührt bleibe, während mein schwankender Körper vornüber oder hintenüber zu fallen droht. Es hilft - für ein paar Millisekunden.

Aber da ist noch etwas anderes, etwas, das jenseits von Technik, Konzentration und Vorstellungen liegt, und ich würde sie gern fragen, wie sie so selbstverständlich dorthin gelangt. Es kommt mir vor wie ein Schritt in einen anderen Raum, an einen Ort, wo aller Tumult gleichsam verschwindet und einem Zustand Platz macht, in dem nichts mehr existiert - nur noch grenzenlose Stille. Manchmal bekomme ich eine Ahnung davon, das ist dann wie pure Magie.

Wenn ich also im Karussell von Bullenhitze, Sirenengeheul und Menschengetümmel mal wieder gar nicht weiß, wo ich mich verstecken soll, bleibe ich stattdessen stehen und stelle mir vor, ich sei sie, Alina, wie sie im geschäftigen Foyer eines Theaterhauses auf einem Bein balanciert, in vollkommener Seelenruhe.

Und hier ist sie, die Powerfrau.




Für Alexander und alle, die sich auf den Spätsommer freuen. 

Freitag, 25. Juli 2014

Arbeitgeber


Arbeitgeber, London

Ganz einfach, sage ich. Ich bin die Arbeitgeberin.

Mein Chef sieht mich irritiert an. Seine kuschelige Wolljacke scheint so gar nicht zu seiner eiskalten Firmenpolitik zu passen. Doch den Trick mit der Kleidung habe ich mittlerweile durchschaut, und so rede ich weiter.

Ich bin diejenige, die ihre Kenntnisse, ihre Erfahrung, ihre Kraft, ihr Engagement, kurz: ihre Arbeit gibt. Sie geben mir keine Arbeit. Sie geben mir einen Arbeitsplatz, weil Sie meine Arbeit zwecks Gewinnmaximierung nur allzu gern nehmen.

Dies ist ein Handel zwischen Gleichberechtigten - zwischen mir, der Arbeitgeberin, und Ihnen, dem Arbeitnehmer. Der Handel sieht so aus: Gute Arbeit gegen gute Bedingungen. Es ist wirklich ganz einfach.

Was ich stattdessen hier vorgefunden habe, ist ein ausgeklügeltes totalitäres System, das sich zu allem Überfluss als zukunftsweisend ausgibt. Ungläubig und verständnislos habe ich Ihre Methoden eine Weile beobachtet, habe sie erforscht und beschrieben. Ich bin dem Ganzen mit Optimismus, Humor und Phantasie begegnet - Rettungsversuche, die das haarsträubende Geschehen nur umso deutlicher zum Vorschein brachten.

Daher muss ich Ihnen mitteilen, dass ich Ihnen keine Arbeit mehr geben werde.

Sie denken vielleicht, dass Sie gerade Rückenwind haben. Aber ich sage Ihnen etwas. Ich habe zwar kein fettes Auto wie Sie. Aber ich habe einen beweglichen Körper und ein Fahrrad, und ich kenne mich aus mit dem Wind.

Eines Tages wird der Wind wieder drehen. Er wird in einem Schwung die Zustände hinwegfegen, in denen Sie und Ihresgleichen ihr Unwesen treiben können. Und er wird die Arbeitgebenden dieser Welt an einen Ort bringen, an dem sie die Früchte ernten werden für ihren Enthusiasmus, ihren Einsatz und ihre Lebendigkeit.

Ich schwinge mich derweil auf mein Rad. Adios!


Arbeitgeber, London

Arbeitgeber, Madrid

Arbeitgeber, Berlin

Dies ist ein fiktives Gespräch. Heute habe ich meine Kündigung eingereicht. 

Montag, 21. Juli 2014

Geheimnisvolle Kreise im Gras




Als wir abends aus der Oper kommen, ist der Stuttgarter Schlosspark übersät mit geheimnisvollen Kreisen. Wie Blumen, die sich über den Rasen verteilen, sagt meine Freundin. Es ist zu dunkel, um sie zu fotografieren, aber aus der Vogelperspektive hätte dies eine wunderschöne Komposition ergeben.

Menschen, die sich hier als Gruppe im Park treffen, bilden Kreise. Runde, geschlossene Kreise, in der jeder jeden sieht und ihm zugewandt ist. Alle Gruppen machen das so. Wie in England, wo jeder die Kunst beherrscht, sich höflich in eine Warteschlange einzureihen, scheint es hier ein unausgesprochenes Gesetz zu geben, das die Menschen dazu bringt, sich automatisch in dieser Form zueinander zu gesellen. 

Künstlerisch, fast spirituell sieht es aus, wenn sich mehrere dieser Gruppen formieren und auf dem Platz ausbreiten, wie Energiekreise, die zugleich miteinander kommunizieren und daraus ein Gesamtgefüge entstehen lassen. 




In Berlin habe ich noch nie eine Menschengruppe so sitzen sehen - und ich wohne dort schon sehr lange. Gruppen, die sich in Berliner Parks treffen, erzeugen ein anarchistisches, chaotisches, amorphes Gebilde, eine kreative und zuweilen auch beliebige Komposition, die jederzeit und unbemerkt in eine andere übergehen kann. 

Was nun hat es auf sich mit diesen geheimnisvollen Kreisen im Gras? Sind sie Ausdruck schwäbischen Ordnungssinns? Oder zeigen sie vielmehr ein zugewandtes, aufmerksames, gleichberechtigtes Miteinander? Vielleicht drücken sie auch etwas aus, was ich hier bereits an anderen Stellen beobachtet habe - einen Sinn für Harmonie und liebevolle Gestaltung, für sorgfältig durchdachte Kunstwerke und Choreographien - wer weiß?




für Gisela, die dies beobachtet hat

Sonntag, 20. Juli 2014

Straßenmusiker




Die Straßenmusiker, die ich in Stuttgart gesehen habe, sind vielfältig und ziemlich gut. Statt die Vorbeigehenden mit Gassenhauern zu locken und gleich weiterhasten zu lassen, laden sie dazu ein, ihnen in Ruhe zuzuhören, die Musik zu genießen und wertzuschätzen, die Stücke zu erraten oder - in meinem Fall - mich an eine andere Zeit meines Lebens zu erinnern.

Als Studentin habe ich selbst lange von Straßenmusik gelebt. Ich war gerade aus dem Saarland nach Berlin gezogen, und der Ku'Damm mit seinem abendlichen Lichterglanz erschien mir wie die weite Welt. Das war bedrohlich und beflügelnd zugleich. Abenteuerlustig suchte ich mir dort meinen Platz.

Der Job als Straßenmusikerin gab mir die Möglichkeit, bei freier Zeiteinteilung zu arbeiten, in Übung zu bleiben und Menschen kennenzulernen. An guten Tagen verdiente ich etwa 30 Mark in der Stunde - zum Beispiel an besonders warmen Sommerabenden, oder wenn Hertha gerade ein Fußballspiel gewonnen hatte. Hundert Mark am Abend waren viel Geld damals, aber es war wohl verdientes Geld.




Denn Straßenkünstler haben nicht nur einen aufregenden, sondern auch einen herausfordernden Job. Sie exponieren sich, sie müssen sich im turbulenten Kommen und Gehen auf ihre Kunst konzentrieren, und sie erhalten Reaktionen unterschiedlichster Art.

Straßenmusiker wissen nie im Voraus, wie der Tag sein wird, der vor ihnen liegt. Der Platz, an dem sie stehen werden, die Stimmung in der Stadt, die Menschen, die ihnen begegnen, und nicht zuletzt das Wetter - all dies sind Unwägbarkeiten, die sie dazu herausfordern, spontan und spielerisch zu reagieren und dabei zugleich ihre innere Balance zu wahren.




Ich erinnere mich an den lebhaften Austausch mit den anderen Straßenkünstlern, an die Gespräche mit den Menschen, die vorbei liefen und zuhörten, an Applaus, Anmache und Aggressionen. An lustige, alberne oder interessante Kommentare. An Rückenschmerzen ebenso wie an das schöne Gefühl, andere Menschen erfreut zu haben. Es war der kommunikativste Job, den ich je hatte, der unsicherste und der romantischste.

Ich würde gern mal wieder mit den Musikern plaudern, sie fragen, wie es sich heute mit dieser Arbeit lebt. Warum sie sich entschieden haben, auf der Straße zu spielen, und was sie dabei erleben. Wo sie schon überall gespielt haben. Was ihnen daran am meisten Spaß macht.

Ich habe Respekt vor ihnen und dem, was sie geben. You go, guys.



Sonntag, 13. Juli 2014

Südliche Träume - Teil 2






Noch immer kann ich kaum glauben, dass es sie auch in Reichweite gibt - die südliche Landschaft meiner Träume. Keine sechs Stunden Bahnfahrt ist sie von Berlin entfernt, und je mehr man sich ihr nähert, desto spürbarer verströmt sie ihr mediterranes Flair.

Natürlich hat die Landschaft ihren eigenen Charakter. Statt durch Lavendelfelder laufe ich an Weinbergen entlang, und statt mit einem Fahrrad bin ich in Wanderschuhen unterwegs. Doch das Lebensgefühl, das sie in mir weckt, ist das gleiche: Lebensfreude, Geselligkeit, Aufgehobensein inmitten einer satten, warmen, hügeligen Natur.

Das Wichtigste aber: Mein Fahrrad-, Freizeit- und Picknickkorb, mein Korb für sonnige Stunden in der Natur, mein Glückssymbol - es kommt hier sofort zum Einsatz. 

"Ballett im Park" heißt das Event, bei dem sich die Ballettomanen der Stadt einmal im Jahr zusammenfinden. Dabei werden zwei Vorstellungen live aus dem Opernhaus auf einer Großbildleinwand gezeigt, während die Zuschauer es sich im Schlossgarten gemütlich machen.

Es empfiehlt sich, sich früh einzufinden, am besten gut ausgestattet mit einem Korb voller Proviant. Dann geht das französisch anmutende Frühstück im Freien gleich in einen wunderbaren Sommerabend über.

Diesmal konnte ich Alicia Amatriain und Friedemann Vogel in "Giselle" bewundern. Liebe, Tod und Vergebung, Wälder und Geister, ein kurzer Sommerregen, dann ein stiller Nachthimmel - das war wirklich romantisch.

Am Ende des Abends traten die Tänzer auf den Balkon des Opernhauses und wurden von einem begeisterten Publikum bejubelt. Wie Royals.

Die Landschaft meiner Träume, wie ich mit jedem Besuch mehr feststellen darf, befindet sich an einem Ort, an dem das Kulturleben blüht. Hier werden Kunst und Kultur auch finanziell wertgeschätzt, und so gibt es, oh Wunder!, auch für Menschen meiner Branche solide Arbeitsplätze. 

Süddeutschland ist kein Traum. Es bietet eine realistische Perspektive. Jetzt habe ich neuen Stoff zum Nachdenken.


Ein charmanter Schauspieler lädt ein zu "Ballett im Park", Stuttgart

Vorfreude auf "Ballett im Park"

Alicia Amatriain und Friedemann Vogel

Eine "Wili"  schwebt vorbei

... und gleich ganz viele von ihnen zeigen sich auf dem Balkon des Opernhauses
Für einen guten Blickwinkel war die Reporterin zu spät oben angelangt.
Sie hat dennoch versucht, den Zauber dieser Nacht einzufangen

Montag, 7. Juli 2014

Glanz und Sprungkraft


Marijn Rademaker
Copyright: Stuttgarter Ballett

Heute habe ich im Bioladen ein Shampoo entdeckt, auf dessen Etikett "gibt Glanz und Sprungkraft" steht. Sofort landete es in meinem Einkaufskorb. Sprungkraft ist etwas, das ich unbedingt haben will.

Nur: ein Shampoo, das Sprungkraft verleiht - wie funktioniert das? Davon habe ich noch nie etwas gehört. Genau genommen geht das doch gar nicht.

Doch damit machen die Produzenten dieses Wundermittels, ganz ohne es zu merken, eine einfache Aussage: Es ist letztlich ganz gleich, welchen Gegenstand die Käuferin zur Hand nimmt - dessen besondere Wirkung wird sich nur dann entfalten, wenn sie eine intensive Vorstellungskraft, oder besser noch, magische Fähigkeiten besitzt. Welche Zauberkräfte auch immer dem Produkt zugeschrieben werden: Sie ist diejenige, die diese zum Leben erweckt.

Ab jetzt werde mir also jeden Morgen vorstellen, wie sich die Eigenschaften dieses Shampoos, bei den Haaren beginnend, nach und nach in meinem Körper, meinem Tanz, meinem Leben ausbreiten: Glanz. Kraft. Die Fähigkeit, hoch zu springen.

Tanz und Magie wirken ja eng zusammen. Daher kann ich nur empfehlen, es auszuprobieren. Außerdem ist das Produkt bio.


Friedemann Vogel
Foto: Gundel Kilian

Mittwoch, 2. Juli 2014

40 Eier in 8 Sekunden


Foto: ddp

Als Studentin arbeitete ich ein paar Wochen in einer Schokoladenfabrik. Meine Aufgabe bestand darin, Eier zu zählen.

Das ging so. Wir - acht Frauen - saßen vor einem Tisch, auf dem zahllose Schokoladeneier umherrollten. Durch die Mitte des Tisches bewegte sich ein Fließband, auf dem runde, durchsichtige Schachteln angefahren kamen. Jede von uns sollte nun je fünf Eier in die Schachtel werfen und diese dann an die nächste Person weitergeben, sodass sich am Ende 40 Eier darin befanden. 

Dieser Ablauf wurde in rasanter Geschwindigkeit im Akkord abgespult. Zwei Eier in die eine Hand, drei in die andere, rein damit in die Schachtel, weiterschieben. Jeder Vorgang dauerte etwa eine Sekunde und teilte sich in vier Schritte auf. 

Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg

Im Rhythmus dieses Viervierteltaktes verging Sekunde um Sekunde, Minute um Minute, Stunde um Stunde. Trotz des hohen Arbeitstempos habe ich selten das Vergehen der Zeit als so langsam empfunden.

Mein jetziger Arbeitgeber hat sich dasselbe Prinzip zu eigen gemacht. Statt Eier zählen wir Wörter. Wir müssen ein bestimmtes Budget pro Stunde schaffen, dies wird zentral überwacht. Wir arbeiten im Akkord. Dementsprechend werden wir wie Fabrikarbeiterinnen bezahlt.

Diesmal verkaufe ich meine geistigen Fähigkeiten. Sprachkenntnisse, Sprachgefühl, Hintergrundwissen, alles muss blitzschnell abgerufen und für perfekt formulierte Texte nutzbar gemacht werden. Um dies zu erreichen, arbeiten wir mit überhöhter Konzentration, verzichten auf Pausen, drehen das Tempo bis zum Anschlag auf.

Tausend
Viertausend
Zehntausend Wörter
Mehr! Schneller! Noch schneller!

Irgendwann verstehe ich nicht mehr, was ich da lese. Ich will das alles auch gar nicht lesen - all die Texte, die ich selbst nicht geschrieben habe. Die ich so nie schreiben würde. Die ich überhaupt nicht schreiben würde.

Das Fließband rast weiter, und es werden kübelweise Eier nachgeschoben. Habe ich wirklich fünf Eier hineingeworfen? Oder waren es nur drei? Oder sieben? Ich kann nicht mehr. Ich bin ausgepresst, ausgelaugt, ausgebrannt. 

Wir sind wie Schweinchen in der Massentierhaltung - kluge, sensible Tiere, die zu verwertbarem Material degradiert worden sind.

Mein Arzt sagt, dass ich eine Auszeit brauche. Er hat mir Suhlen verschrieben, Abkühlung, Aufenthalte im Freien.

Sobald ich wieder bei Kräften bin, kündige ich. Das wird dann sein, wenn das unablässige Knattern in meinen nächtlichen Träumen aufgehört hat:

Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg
Drei - zwei - rein - weg ...


Samstag, 28. Juni 2014

Mit dem Herzen voraus




Nun gut, da keiner meiner Stuttgarter Freunde Fußball mag, gehe ich eben alleine los. Irgendwo am Schlossplatz wird es sicher Public Viewing geben. Ich laufe ein wenig umher und mache dann bei einem beliebigen Brauhaus Halt. Bleibe zunächst etwas abseits stehen, ohne mich zu setzen. Das Spiel läuft seit zehn Minuten.

Und dann sehe ich ihn, direkt vor mir. Einen Tänzer vom Stuttgarter Ballett, einen der ganz Großen. Vor ein paar Tagen noch hatte ich meiner Freundin ein Video vorgespielt, das ihn in John Neumeires "Kameliendame" zeigt, und sie war ebenso beeindruckt wie ich von seiner schauspielerischen Ausdruckskraft. 

Ich schaue zweimal hin, dann ein drittes Mal, um sicher zu sein. Aber die Freunde, mit denen er unterwegs ist, sehen so eindeutig wie Tänzer aus, dass es keine Zweifel gibt. Wie um mich dafür zu entschuldigen, dass ich ihn so angestarrt habe, setze ich mich mit betonter Coolness auf den nächstbesten freien Platz.

Zwei seiner Tänzerkollegen unterhalten sich auf Russisch, sie sprechen über Tanzverletzungen. Dann reden sie alle auf Englisch weiter. Das Spiel ist so laut, dass ich nicht weiter zuhören kann, was sicher besser so ist. Denn es gehört sich ja nun wirklich nicht, Gespräche zu belauschen. Doch ich muss sagen: Das hier ist tausendmal aufregender als die Weltmeisterschaft.

Eigentlich habe ich's nicht mit Promis. Ich falle nicht auf Rockkonzerten in Ohnmacht. Unter normalen Umständen jage ich auch nicht nach Autogrammen. Und der rote Teppich der Berlinale, um nur ein Beispiel zu nennen, ist immer an mir vorbei gegangen. 

Aber mit Balletttänzern ist das etwas anderes. Sie kommen aus einer anderen Sphäre, und wenn sie mitten im Alltag plötzlich vor einem auftauchen, ist das etwas ganz Besonderes. 

Sie können fliegen, wie gesagt. Sie können, wenn sie wollen, Bewegung zu Sprache machen. In besonderen Momenten können sie auch so stark eintauchen in die Gefühlswelt ihrer Figur, dass sie über die reine Technik hinausgehen, dorthin, wo die Magie beginnt. 

Zum Beispiel so, wie ich neulich in einem Tanzmagazin gelesen habe. "Neumeiers Dramatik verlangt (...) den Tanz mit dem gesamten Körper, vor allem mit Oberkörper und Kopf, man muss sich gewissermaßen mit dem Herzen voraus in die Bewegung werfen".* Mein Tänzer hier kann das, ich habe es im Video gesehen.

Darum ist es immer gut, sich in die Nähe dieser Tänzer zu begeben. Dann lernt man solche Dinge, wie durch eine Art Osmose. Dafür braucht es keine Worte, Komplimente oder Fragen - es reicht, sich inmitten wogenden Fußballjubels in ihrem Umkreis aufzuhalten und sich im Stillen zu freuen.

Nach dem Spiel bleibe ich noch einen Moment in der Abendsonne sitzen. Ich liebe diese Stadt und die Begegnungen, die sie für mich bereithält. 

"Wir" sind eine Runde weiter. Wer auch immer damit gemeint sein mag, heute gehöre ich dazu. Ich werfe mich in die nächste Runde, mit dem Herzen voraus.




Alexander Calder: "Crinkly avec disque rouge"
und Merkur
Blick vom Kunstmuseum Stuttgart

*Angela Reinhardt, "Mit dem Herzen voraus, Neue Besetzungen in John Neumeires 'Kameliendame'", in: tanznetz.de, 2011

Sonntag, 15. Juni 2014

Inselbewohner




In meiner Londoner Zeit war ich oft verwundert, wenn vom "europäischen Festland" die Rede war. Die einzelnen Länder in ihrer Vielfalt schienen aus britischer Sicht nicht wichtig zu sein; stattdessen bildeten sie, in weiter Ferne, ein diffuses, graues, gleichförmiges Etwas, den Kontinent.

Ähnlich verhält es sich mit der Region um Paris, auch Ile-de-France genannt. Auch die französische Hauptstadt lebt von ihrem Selbstverständnis als Insel. Alles, was sich außerhalb ihres Umkreises befindet - Großstädte wie Lyon, Marseille oder Toulouse, Landschaften wie die bretonische Küste, die Alpen oder die Pyrenäen - all das ist eins und wird grob zusammengefasst unter dem pauschalen Begriff Provinz.

Königin in diesem Archipel ist zweifelsohne Berlin, deren Identität als Insel sich zur Zeit der Mauer herausgebildet und seither immer weiter gefestigt hat. Denn über zwanzig Jahre nach der Wende steht die Mauer immer noch, sichtbar als ein Lebensgefühl, eine Energie, eine innere Haltung, die alteingesessene Einwohner mit den damals wie heute Zugezogenen teilen: Berlin, das ist etwas ganz anderes. Der Rest von Deutschland ist weit weg.

Ein stürmischer Ozean, eine hauptstädtische Sonderstellung, eine energetisch fühlbare Mauer - sie alle legen sich wie Schutzwälle um die Inseln und lassen eine Daseinsform der besonderen Art entstehen.

Scheinbar unbeobachtet und geschützt vor den Einflüssen der Außenwelt wachsen die Inselbewohner zu einer eigenen Spezies heran, die nur auf einer bestimmten Erde gedeihen kann, eine spezifische Luft zum Atmen braucht, eine eigene Sprache spricht und sich einig ist in einem Grundsatz: Unsereins kann nur hier leben. Denn ihr Inseldasein gewährt ihnen eine ganz eigene Freiheit: Hier, und nur hier, können sie sich in ihrer Exzentrik entfalten, und niemand wird sie dabei stören. 

Woanders, so meinen sie, ist diese Freiheit nicht möglich. Die Welt da draußen - irgendwie ist sie suspekt und fremdartig, eine Art unbebautes Gebiet, das zu erkunden Gefahren in sich bergen könnte. 

Denn wenn sie sich weiter vorwagen, werden sie erstaunt entdecken, dass das Leben an anderen Orten dieser Welt in vormals nie gesehenen Farben blüht und gedeiht. Sie werden beobachten, dass diese Orte durch regen Austausch mit ihren festländischen Nachbarn stetig in Bewegung bleiben und damit immer neue, ungeahnte Früchte hervorbringen. Sie werden fühlen und erfahren, dass sie diejenigen sind, die aus einer entlegenen Gegend kommen, aus einem kollektiv erfundenen Traumland, von einem fernen, einsam leuchtenden Stern.




Mittwoch, 11. Juni 2014

Wir sind viele!


Opernhaus, Stuttgart

Als ich Mitte der 80er-Jahre zum Studieren nach Berlin zog, war die Mauerstadt ein Anziehungspunkt für alle, die der Enge kleinerer westdeutscher Städte entfliehen wollten. Wer anders war oder sein wollte, fand hier ein neues Zuhause und eine Gruppe Gleichgesinnter. Endlich war man nicht mehr allein. Hier konnte man alles ausleben, was dort geschmäht wurde, und man konnte es frei und offen zeigen: Schaut her - wir sind Punks, Lesben, Straßenkünstler, Kriegsdienstverweigerer, Teddyboys, Sanyassins...! Wir sind viele! 

Viele Jahre später laufe ich durch Stuttgart und sehe ein buntes Straßenbild anderer Art. Sicher gibt es auch hier Menschen jeder Couleur, ich höre Sprachen aus aller Welt, und wer möchte, kann sich in seinem persönlichen Ausdruck frei entfalten. Doch da ist noch etwas anderes, etwas, das mir erst durch den Kontrast zum heutigen Berlin auffällt: Ich sehe eine ausgewogene Mischung aller Generationen.

Es gibt sie also doch - Menschen in meinem Alter. Hier fallen sie nicht aus dem Rahmen. Wie es aussieht, sind sie selbstverständlich in die Gesellschaft integriert; keiner zwingt sie, anders zu sein, als sie sind, sich zu verbiegen und anzupassen. Anders als in Berlin, wo der Jugend-Hype sie zu Outlaws macht, für die es keinen Platz mehr gibt, sind sie hier ein etablierter Teil des Stadtbildes. Erleichtert atme ich auf. Endlich gehöre ich wieder dazu. Es gibt uns! Wir sind viele!

Erst abends in der Oper frage ich mich, ob ich nun wie eine typische Ballettliebhaberin in den mittleren Jahren aussehe. Mit meinem eklektischen Kleidungsmix aus London Style ("alles ist erlaubt") und Berliner Klamotten ("alles ist egal") fühle ich mich nonkonform, fast out. Schlimmer noch: Als ich in der Pause ein Autogramm und ein Lächeln eines meiner Lieblingstänzer geschenkt bekomme, mein Herz augenblicklich in die Lüfte springt und ich in letzter Minute in den dritten Rang zurückrenne, wird mir das ganze Ausmaß meiner Jugendlichkeit bewusst. Doch die ältere Dame neben mir strahlt auch. Für manche Dinge hat Zeit einfach keine Bedeutung.

Wir Tänzer experimentieren sowieso gern mit Rhythmen und Tempi, bis wir unser eigenes, stimmiges Timing gefunden haben. Dies ist unsere Aufgabe - und darin liegt zugleich auch unsere Freiheit. So sind wir. Wir sind viele.


Opernhaus, Stuttgart