Freitag, 31. Januar 2014

Die richtige Lebenseinstellung




Spitzköpfig und unförmig sieht er aus - ein wenig wie ein zu groß geratenes Kissen, das nicht so recht weiß, wohin mit sich.  

Seinen Platz muss er erst finden in einer Welt, die von Zuordnungen und Vergleichen geprägt ist. Denn ein elegant geschwungener Couchsessel ist er nicht. Ebenso wenig hat er jedoch mit einem Beistellhocker gemein, der sich wacklig und unbeholfen zum Sofa gesellt.  

Der Sitzsack ist einmalig in seiner Art.

Fernab von Konventionen und Erwartungen präsentiert sich der Sitzsack als ebenso individueller wie zugewandter Charakter. Prall gefüllt, bemerkenswert voluminös und der Schwerkraft durchaus zugetan, macht er seinem Namen als Sack alle Ehre. Dabei ist er erstaunlich leichtgewichtig, beweglich und formbar, was ihm eine fast zarte Anmutung verleiht.

Ein Sitzsack schmiegt sich auf wundersame Weise jedem Körper an, ganz gleich, welche Form dieser haben mag oder in welcher Verfassung er sich gerade befindet. So fühlt sich jeder bei ihm willkommen, sucht frohen Herzens seine behagliche Nähe und wird alsbald sanft davongetragen von seiner beruhigenden Wirkung. 

Dank seiner zugänglichen Wesensart ist der Sitzsack schon bald in seine Umgebung integriert. Seine Mitbewohner heitert er auf; seinen menschlichen Besuchern gibt er das Gefühl, dass sie hier zu Hause sind.

Keine Frage, ein Sitzsack hat die richtige Lebenseinstellung: Er ist gastfreundlich, tolerant und weiß um den Wert von Ruhe und Erholung.

Daher sollte er in keiner Wohnung fehlen.




Dienstag, 14. Januar 2014

Den Kopf hängen lassen


Edgar Degas: Zwei Tänzerinnen
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Ach, lass den Kopf nicht hängen, sage ich mir, während ich von der Arbeit zu meinem Tanzstudio radle, in der Hoffnung, dass ich dort auf neue Gedanken kommen werde.

Und wie schon oft passiert genau das. Denn beim Ballett lassen wir oft und mit Absicht den Kopf hängen. Die Übung heißt cambré en avant (Vorbeuge). Mein neuer Ballettlehrer lässt diese gern als fließende Bewegung tanzen, am liebsten im Kreis, so dass man den Kopf und den Oberkörper nacheinander in alle Richtungen hängen lassen oder zumindest neigen kann.

Im Einklang mit der Musik und dem Atem ist dies ein wunderschöner Bewegungsablauf, denn er ist weich und elegisch und verleiht ein wohliges Gefühl im Rücken. Ich liebe die cambrés en rond, doch noch besser ist die Bewegung nach vorn, an deren Ende man einen Moment lang loslässt und entspannt, ohne Anspruch oder Erwartung, und ohne gleich das nächste Ziel im Auge zu haben. 

cambré vor und zurück
Quelle: www.ericanatal.blogspot.de

Vielleicht, so frage ich mich, ist es manchmal gar nicht so schlecht, sich kopfüber in diesen Zustand zu begeben? Sich einmal nicht aufzurichten mit neuen Ideen, Möglichkeiten und Plänen - denn diese zu entwickeln, erfordert nur erneute Anstrengungen. Wer den Kopf hängen lässt, macht Pause von alledem. 

Mein Ballettlehrer lässt uns die cambrés so oft wie möglich tanzen. Sie beleben den Torso, von dem letztlich die Energie ausgeht, sagt er. Das klingt gut, finde ich.


cambré vor
Foto: Andrej Uspenski

Mittwoch, 8. Januar 2014

Die Ordnung der Welt


Romany Pajdak
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Als Ballett entstanden ist, war die Bühne noch ein Quadrat.

Innerhalb dieses Quadrats wurden zur Orientierung acht Positionen entwickelt, die die Bewegungsrichtung anzeigen und den Tänzern Anhaltspunkte geben für die Choreographie. Zur Übung lassen sich diese auch als fließende Abfolge tanzen.

Und dies ist am Anfang ganz schön tricky, wieder eine neue Aufgabe für Koordination, Phrasierung und Gedächtnis. Denn dabei geht es nicht nur um die Unterscheidung von vorn, hinten und zur Seite, sondern um die Platzierung von Torso, Armen und Beinen: So ist zum Beispiel ein croisé in vier Richtungen tanzbar. Und natürlich werden die Positionen auch spiegelbildlich auf der linken Seite getanzt. 

Doch zum Glück gibt es ja Lehrvideos. Als Vorbild habe ich die wunderschöne Romany Pajdak vom Royal Ballet London gewählt.




Hilfreich ist jedoch noch etwas anderes. Jede der Positionen hat nämlich in meinen Augen einen ganz eigenen Charakter und erzeugt ein jeweils anderes Körpergefühl. Während sich beispielsweise das croisé ganz selbstverständlich einfügt und damit beinahe konventionell anmutet, scheint im effacé eine zeitlose Eleganz zu liegen; das écarté hingegen hat eine ungewöhnliche, queere Wirkung. Indem ich mir diese Empfindungen einpräge, so hoffe ich, werden die Positionen irgendwann abrufbar sein und sich mühelos in den Tanz integrieren.

Es gefällt mir, mich in diesem quadratischen Raum aufzuhalten und ihn weiter zu erforschen.

Denn dieses Quadrat, das die Welt bedeutet, ist ein ganzes Universum - eines, das einer sinnvollen, vernünftigen Ordnung folgt. In diesem Gefüge hat alles eine Bedeutung, und jeder Bewegung liegt eine Absicht zugrunde, die dem harmonischen Gesamtbild dient.

Und so schafft die Ballettbühne ein zuversichtliches Lebensgefühl und ein heiteres Gemüt. Balletttänzer erwecken eine Welt zum Leben, in der jeder seinen Platz hat und in der niemand verloren gehen kann. Und von dort beginnend entwickelt sich ein freier Raum unendlicher Möglichkeiten.


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Mittwoch, 1. Januar 2014

Neujahrskonzert




Ihr könnt es natürlich versuchen.

Ihr könnt versuchen, eure Angestellten in Roboter zu verwandeln.

Ihr könnt ihren Sinn für Schönheit deaktivieren, so dass sie die unübertreffliche Hässlichkeit der Büroräume nicht mehr wahrnehmen.

Ihr könnt sie so programmieren, dass Höchstgeschwindigkeit, Optimierung und Output die Werte sind, die ihr Roboterdasein lebenswert machen, und zugleich Wörter wie Sinn, Miteinander und Freiheit von ihrer Festplatte löschen.

Ihr könnt eine Einstellung einbauen, die die direkte Kommunikation von Roboter zu Roboter überflüssig macht, da die Übermittlung von Zeichen bereits ihren Zweck erfüllt.

Da nun Fühlen, Sprechen und die Möglichkeit freier Gedankenverbindungen ausgeschaltet sind, müsste jetzt ja alles optimal laufen.

Doch eines habt ihr übersehen, als ihr die Roboter auf ihre Bürostühle platziert habt: Roboter haben einen Körper. Und der Körper lügt nicht. Der Körper spricht, ganz gleich, was er tut, ganz gleich, in welche Gewänder man ihn gezwungen hat, und er spricht umso deutlicher, wenn seinem Träger andere Sprachen verweigert werden.

Und jetzt hört euch das an.

Früher oder später geht es los. Sie fangen sich Viren, sie bekommen Ausfälle, ihre Schrauben werden locker. Sie gnatzen, schnarren und quietschen. Mit jedem Einschalten ertönt ein Knattern, mit jedem weiteren Ankurbeln geht ein Zischen durch den Raum. Die Aktivität ihres Getriebes wird von einem unaufhörlichen Kratzen und Scharren begleitet, und schon bald ist der ganze Raum mit Tönen und Misstönen verschiedenster Art erfüllt. Und während das dumpfe, anhaltende Grummeln im Hintergrund allmählich intensiver wird, beginnen sie, in immer kürzeren Abständen mit einem geräuschvollen Knall zu implodieren. Es kracht, knackt und poltert, es bullert und böllert, es klirrt und scheppert - das alles in einem Rhythmus, der all eure Vorgaben außer Kraft setzt.

Gemeinsam kreieren sie ein ohrenbetäubendes Konzert - und durchbrechen damit die Höllenstille. 

Und plötzlich erinnern sie sich wieder. Längst verloren geglaubte Wörter tauchen aus dem Land des Vergessens auf, Wörter, die sie nur ein einziges Mal aussprechen müssen, um zu ihrer menschlichen Gestalt zurückzufinden und zum Ausgang zu gelangen.

Und ihr - ihr bleibt allein zurück im nunmehr menschenleeren Raum.