Freitag, 18. April 2014

Schöne Augen




Wie ich sie liebe, die südliche Landschaft. Die sanften Hügel und Weinberge, die weiche Luft, die Frühlingsdüfte, die einem zart entgegenwehen, die versteckten, verwinkelten Wege und dann der freie Blick, der sich einem plötzlich darbietet - all das verleiht den Gedanken neue Weite und hüllt die Seele in ein luftig-leichtes und zugleich schützendes Gewand.

Als wir oben auf einem der vielen Hügel rund um die Stuttgart angekommen sind, muss ich an eine Szene aus Louis Malles Spielfilm Milou en mai (Eine Komödie im Mai) denken. Der lebensfrohe Milou und eine lebhafte, rothaarige Frau in langen bunten Kleidern gehen in einer wunderschönen südfranzösischen Landschaft spazieren. Als sich ihnen eine besonders pittoreske Aussicht präsentiert, sagt Milou zu ihr: "Schau genau hin. Man bekommt schöne Augen, wenn man schöne Dinge sieht". 

Ich mag den Satz, vielleicht, weil ich bisher davon ausgegangen bin, dass es umgekehrt ist. Eigentlich denke ich, dass die Schönheit der Dinge erst durch die Betrachterin entsteht, durch die Fähigkeit, sie wahrzunehmen, oder durch einen liebevollen Blick auf die Welt. Doch wer im Süden lebt, weiß es besser. Er kann es, wie Milou, jeden Tag neu erleben: Die Schönheit, die uns umgibt, existiert unabhängig von uns, sie ist als Erste da. Sie ist diejenige, die uns verändert. Sie kommt uns entgegen wie ein Geschenk.

Und so brauchen wir nichts weiter zu tun. Wir bleiben einfach nur stehen, schauen, und genießen, wie sie uns schöne Augen macht.




Samstag, 12. April 2014

Mein erstes... Tutu!




Es gibt Tutus für die Bühne - Meisterwerke der Nähkunst, die in wochenlanger Feinarbeit für die Ballerina und ihre entsprechende Rolle gefertigt werden. Und dann gibt es einfache Tutus für den Probenraum, die der Tänzerin und ihrem Partner als Vorbereitung für den Auftritt dienen und ihnen eine Ahnung jener anderen Welt vermitteln, in die sie ihre Zuschauer entführen werden.

Diese Tutus gibt es in Tanzläden... - und in Sexshops, wie ich heute bei einem Spaziergang durch Stuttgart entdeckt habe. Offenbar inspirieren Tutus zu Phantasien und Träumen vielfältiger Art.

Als Andreas und ich an dem Laden vorbeilaufen und ich dieses zart dahingehauchte Tutu sehe, das von einer wohlgeformten Ballerina im Schaufenster präsentiert wird, weiß ich jedenfalls sofort: Einmal im Leben möchte ich in solch einem Tutu tanzen.

Kurzentschlossen betreten wir den Laden. Ein junger, ganz in Leder gekleideter Mann kommt uns entgegen. "Für wen soll das Tutu denn sein?", fragt er und zwinkert Andreas zu. "Für mich!", antworte ich und werde verlegen, als hätte ich einen ungewöhnlichen Wunsch geäußert.

Alsbald halte ich eine riesige weiße Stoffwolke in der Hand, und während ich inmitten all der farbenfrohen Liebes-Accessoires zum Umkleideraum gehe, fühle ich mich wie in einem experimentellen Film aus einer anderen Zeit.

Noch traumähnlicher wird das Geschehen, als binnen weniger Augenblicke eine Verwandlung mit mir stattfindet.

Fluffig und luftig umspielt der weiße Tüll meinen Körper, während seine ungewohnt ausladende Form den Raum um mich herum weit, frei und grenzenlos erscheinen lässt. Augenblicklich befinde ich mich in einem schwerelosen Zustand, hebe an zum Flug und...

"Dazu könnten Lackschuhe passen", unterbricht der Verkäufer meine Träumereien, "der Kontrast steigert den Reiz", zwinkert diesmal mir zu und verschwindet im Nebenraum, ohne eine Antwort abzuwarten.

Unterdessen stellt sich Andreas zu mir und beginnt, mich in eine Pirouette zu drehen, die sich allmählich beschleunigt und, einen schwindelerregenden Moment später, behutsam und auf gefühlten Spitzenschuhen balancierend abschließt. Das war mein erstes Pas de deux.

Andreas strahlt, ich schmelze dahin, doch der Verkäufer, der inzwischen mit knallgrünen Schuhen in der Hand zurückgekehrt ist, zieht ein langes Gesicht.

"Ach so", sagt er enttäuscht, "ihr seid Tänzer."

"Was sonst?", entgegnet Andreas.

"Naja, es gibt viele Möglichkeiten", sagt der Verkäufer und grinst jetzt auch.

Die gibt es tatsächlich. Es gibt unendlich viele zusätzliche Möglichkeiten, all das zu erleben, wozu das Inventar seines Ladens anregt - Experimentierfreude, Leidenschaft, Ausgelassenheit, Glück... Tanzen ist eine von ihnen. Der Mann in Leder muss das insgeheim geahnt haben, als er sein Angebot um dieses märchenhafte Kleidungsstück erweitert hat.

Er ist freudig überrascht, als ich es dann tatsächlich kaufe, und schenkt uns eine Schachtel mit bunten Kondomen dazu.

Beschwingt verlasse ich den Laden: Ich habe jetzt ein Tutu! Wo ich das herhabe? Nun, Stuttgart ist eine Ballettstadt, und Tutus gibt es hier überall.

Donnerstag, 10. April 2014

Memento mori




Ein junger Tänzer tanzt zu einer elegischen Melodie, erhebt sich in die Lüfte, stolpert -  und sieht dem Tod in die Augen. 

Statt einem Lehrvideo für Tänzer zu folgen, stehe ich plötzlich vor einem alten Kunstwerk. Memento mori, sagt das Bild - Bedenke, dass du sterben wirst

Memento mori sind Bildmotive aus der Renaissance und dem Barock, die an die Endlichkeit des Daseins erinnern sollen. Sie zeigen Männer und Frauen in der Blüte ihres Lebens, die, wie in allegorischen Totentänzen, plötzlich einem Skelett gegenüberstehen - eine Begegnung von Jugend und Tod, Schönheit und Vergänglichkeit, Sehnsucht nach Entfaltung und Begrenztheit unserer Möglichkeiten.




Der junge Mann lächelt den Tod freundlich und unbefangen an. Auch sein Lehrer hat keine Angst vor dem Tod. Er berührt ihn, bewegt seine Gelenke, hebt seinen Schädel, als sei er schon länger mit ihm vertraut. Der Tod selbst bleibt dabei ganz unbeirrt.

Wir kennen ihn ja. In unserer Kunstform, die nur im Augenblick existiert, ist er ständig präsent - nicht nur, weil der Tanz, kaum erschaffen, schon vergangen ist, sondern auch, weil unser Instrument, unser Körper, verletzbar und veränderlich und damit immer in Gefahr ist.




Ein Grund mehr, die Gegenwart zu zelebrieren. Vielleicht sehe ich mir deswegen so gerne Lehrvideos an. Ich möchte die verborgenen Gesetze unseres Körpers und unserer Ausdrucksfähigkeit verstehen und ergründen, um sie umso mehr achten, genießen und mit Leben erfüllen zu können.

Dies ist ein Video von Wayne Byars, einem Ballettlehrer aus Paris, der mit Elementen der Alexander-Technik unterrichtet. Hier erklärt er, wie sich das Gleichgewicht leichter herstellen lässt.

Eine Balance, sagt er, wird nicht durch Festhalten erzeugt, sie ist eine innere Bewegung. Sie lebt, vibriert, dehnt sich aus - vielleicht noch einen wundersamen Moment länger, als erwartet, und löst sich wieder auf. Memento mori.  



Tanz ab 2:51' 
Tänzer: Xavier Juyon
No copyright infringements intended.

Für Gisela. Ihr gehört das Copyright für diese Beobachtung.