Montag, 18. August 2014

A Tale of Two Cities


Bunt, tolpatschig, ratlos: Berliner Bär, Arbeitsagentur

An Berlin hänge ich wie an einem alten, zerzausten Teddybären. Oll und abgeschrabbt ist es, aber auch vertraut und lieb gewonnen, nachdem es mich durch so viele Zeiten meines Lebens begleitet hat.

Ich mag Berlin. Berlin, das knallbunt und grau, schillernd und abgestürzt, Heimat und Ort großer Verlorenheit sein kann. Wo jeder tun kann, was ihm gerade einfällt, mit allen Erscheinungsformen, die das haben kann. Um das ein gigantischer Hauptstadt-Hype gemacht wird, und das doch so dörflich sein kann mit seiner Kiez- und Nischenkultur.

Bei allen Widersprüchen ist eines jedoch klar: Für mich wie für viele andere gibt es hier keine berufliche Zukunft. Auch das ist Berlin, oder besser: Auch das ist Berlin geworden. Denn Berlin verändert sich. Es explodiert geradezu in seiner Veränderlichkeit. Das Berlin, an dem ich zu hängen meine, lässt sich kaum noch in Zeit und Raum verorten.

Dann ist da Stuttgart, eine Stadt, die nicht von allen Seiten bestürmt, beleuchtet und beschrieben wird. Denn wenn nach Berlin "alle" wollen, so möchte nach Stuttgart, wenn ich mich so umhöre - niemand. Und das mag einer der Gründe sein, warum die Menschen dort Arbeit haben.

Stuttgart macht wenig Aufhebens um sich selbst, und so muss man es selbst erlaufen und erkunden - um die vielen Ecken seiner Straßen, auch um die Ecken der eigenen Vorstellungen und Erwartungen.

Was ich dabei Schritt für Schritt entdeckt habe, ist eine spannende, weltoffene Stadt. Hier leben Menschen aus allen Teilen der Welt, es gibt eine lebendige Alternativ- und Subkultur, viele Verlage, ein reiches Kulturleben. Die Opernregisseure sind frech und mutig, und wenn das Ballett Uraufführungen auf die Bühne bringt, ist das Haus ausverkauft. Und das alles - wie ich schon mehrfach bestaunen konnte - eingebettet in eine wunderschöne, mediterrane Landschaft.

Das Besondere an der Entdeckung meines Geheimtipps ist jedoch, dass ich diese Stadt gefunden habe, als ich weder einen neuen Ort, noch eine Arbeit gesucht habe. Sie wurde mir quasi geschenkt - durch meine Leidenschaft fürs Ballett, und durch einen Menschen, den ich dabei kennengelernt habe.

Denn ein Arbeitsplatz ist zwar wichtig, aber nicht alles im Leben. Er ist nur eine Komponente des Gesamtbildes, nur ein Teil der Geschichte, die sich aus verschiedenen anderen Elementen gerade neu zusammenfügt.

Wie genau, weiß ich noch nicht, doch ich bleibe dran, an meinen beiden Städten, und ich bin neugierig darauf.


Leuchtend, beweglich, offen für Neues: Merkur, Stuttgart

Donnerstag, 7. August 2014

Die Stille in mir


Alina Cojocaru
I do not own this photo

Wenn um bestimmte Phänomene ein großer Hype gemacht wird, sind diese meistens sowieso schon laut, grell und auffällig genug. Eines dieser Phänomene ist die angeblich großartigste Zeit des Jahres, der Hochsommer. Der springt einem geradezu ins Gesicht, schreit einen an, zieht einen ungefragt mitten ins gleißende Licht seiner überfüllten Tanzfläche: Mach mit! Tanz mit! Feier mit! 

Es scheint kein Entkommen zu geben angesichts von soviel Trubel und Sommergebrüll. Und doch muss es einen Weg geben, um in diesem Getöse und Gewimmel nicht unterzugehen, einen Weg, unsere bedrohten Ohren zu schützen, ohne die wir das Gleichgewicht verlieren und umkippen.

Ich habe ein Vorbild hierfür. Sie heißt Alina Cojocaru. Alina ist eine Tänzerin, die fragil, scheu und schutzlos wirkt, eine Frau der leisen Töne, eine, die mit einer sensiblen, subtilen Bewegungssprache ihre Zuschauer berührt. Und die es gleichzeitig fertig bringt, völlig unbeirrt mitten im buntesten Treiben in einer Balance zu stehen. Minutenlang.

Balancen üben wir ständig, und meist bleiben sie ein unerreichter Traum. Anfangs habe ich es mit einem Mantra probiert: Ich bin cool. Das hilft tatsächlich - die Vorstellung, dass ich einen kühlen Kopf habe und ganz und gar ungerührt bleibe, während mein schwankender Körper vornüber oder hintenüber zu fallen droht. Es hilft - für ein paar Millisekunden.

Aber da ist noch etwas anderes, etwas, das jenseits von Technik, Konzentration und Vorstellungen liegt, und ich würde sie gern fragen, wie sie so selbstverständlich dorthin gelangt. Es kommt mir vor wie ein Schritt in einen anderen Raum, an einen Ort, wo aller Tumult gleichsam verschwindet und einem Zustand Platz macht, in dem nichts mehr existiert - nur noch grenzenlose Stille. Manchmal bekomme ich eine Ahnung davon, das ist dann wie pure Magie.

Wenn ich also im Karussell von Bullenhitze, Sirenengeheul und Menschengetümmel mal wieder gar nicht weiß, wo ich mich verstecken soll, bleibe ich stattdessen stehen und stelle mir vor, ich sei sie, Alina, wie sie im geschäftigen Foyer eines Theaterhauses auf einem Bein balanciert, in vollkommener Seelenruhe.

Und hier ist sie, die Powerfrau.




Für Alexander und alle, die sich auf den Spätsommer freuen.