Donnerstag, 7. August 2014

Die Stille in mir


Alina Cojocaru
I do not own this photo

Wenn um bestimmte Phänomene ein großer Hype gemacht wird, sind diese meistens sowieso schon laut, grell und auffällig genug. Eines dieser Phänomene ist die angeblich großartigste Zeit des Jahres, der Hochsommer. Der springt einem geradezu ins Gesicht, schreit einen an, zieht einen ungefragt mitten ins gleißende Licht seiner überfüllten Tanzfläche: Mach mit! Tanz mit! Feier mit! 

Es scheint kein Entkommen zu geben angesichts von soviel Trubel und Sommergebrüll. Und doch muss es einen Weg geben, um in diesem Getöse und Gewimmel nicht unterzugehen, einen Weg, unsere bedrohten Ohren zu schützen, ohne die wir das Gleichgewicht verlieren und umkippen.

Ich habe ein Vorbild hierfür. Sie heißt Alina Cojocaru. Alina ist eine Tänzerin, die fragil, scheu und schutzlos wirkt, eine Frau der leisen Töne, eine, die mit einer sensiblen, subtilen Bewegungssprache ihre Zuschauer berührt. Und die es gleichzeitig fertig bringt, völlig unbeirrt mitten im buntesten Treiben in einer Balance zu stehen. Minutenlang.

Balancen üben wir ständig, und meist bleiben sie ein unerreichter Traum. Anfangs habe ich es mit einem Mantra probiert: Ich bin cool. Das hilft tatsächlich - die Vorstellung, dass ich einen kühlen Kopf habe und ganz und gar ungerührt bleibe, während mein schwankender Körper vornüber oder hintenüber zu fallen droht. Es hilft - für ein paar Millisekunden.

Aber da ist noch etwas anderes, etwas, das jenseits von Technik, Konzentration und Vorstellungen liegt, und ich würde sie gern fragen, wie sie so selbstverständlich dorthin gelangt. Es kommt mir vor wie ein Schritt in einen anderen Raum, an einen Ort, wo aller Tumult gleichsam verschwindet und einem Zustand Platz macht, in dem nichts mehr existiert - nur noch grenzenlose Stille. Manchmal bekomme ich eine Ahnung davon, das ist dann wie pure Magie.

Wenn ich also im Karussell von Bullenhitze, Sirenengeheul und Menschengetümmel mal wieder gar nicht weiß, wo ich mich verstecken soll, bleibe ich stattdessen stehen und stelle mir vor, ich sei sie, Alina, wie sie im geschäftigen Foyer eines Theaterhauses auf einem Bein balanciert, in vollkommener Seelenruhe.

Und hier ist sie, die Powerfrau.




Für Alexander und alle, die sich auf den Spätsommer freuen. 

Kommentare:

  1. Daaanke!!! Eine schöne Idee, und ich sollte besser mal wieder Tanzen statt zu jammern. Heute ist es aber nicht so bullig.
    Meine Ballettlehrerin sagt immer, dass eine Balance keine Anspannung, sondern eine Entspannung sei, also Wachheit und Entspannung. Das hat mir auch etwas geholfen. Aber sie hier ist natürlich der Hammer!
    Viele Grüße aus Stuttgart. Und ich freue mich SEHR auf den Spätsommer. :-)

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  2. Sie ist meine Lieblingstänzerin! Ich habe mir schon alle ihre videos angeguckt und hoffe sie irgendwann live erleben zu können, das wäre so toll.

    Wenn ich Stress habe in unserer grossküche stelle ich mir auch manchmal solche sachen vor oder ich versuche mich an schritte zu erinnern. Dann werde ich ruhiger und besser gelaunt.

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  3. Das Foto oben passt wunderbar zum Text! :-) Dies ist eine gute Idee für alle möglichen Stress-Situationen. Ich sage immer: Ballett ist ZEN.

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  4. Ein Trost ist, dass im Hochsommer die Muskeln warm und dehnbar sind, sodass man wunderbar tanzen kann. Darum gelingen die Balancen dann am besten! :-)

    Davon abgesehen brauchen wir dringend wieder einen Spaziergang in den stillen Weinbergen. :-))

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  5. Sehr schön! Deine Texte haben immer einen "twist", so eine Art Überraschungseffekt. Denn das Rollenbild der schwachen Ballerina erfüllt auch sie nicht. Powerfrau, genau. Super!

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