Samstag, 20. September 2014

Castings


Marianela Nunez als Tatjana
Photo: Johan Persson

Weil ich einen edlen Federhalter als Lieblingsaccessoire gewählt habe - und vermutlich auch wegen meiner romantischen Wesensart - wurde mir die Rolle der Tatjana in John Crankos Ballett "Onegin" zugeteilt.

Wie schade, denke ich, denn das Casting fand nur im Internet statt, in Form eines lustigen Tests.* Und doch... vielleicht wäre es gar nicht Tatjana, die ich gerne spielen würde. Es gibt so viele spannende Charaktere in Crankos Balletten. Überhaupt frage ich mich: Warum mich einschränken auf eine Figur, die mir - vielleicht nur scheinbar - entspricht? Ist die Bühne nicht ein Ort der Phantasie, ein Ort, an dem alles möglich ist?

Ich würde gern einmal den quirligen Mercutio tanzen, der mit seiner Gewitztheit alle zum Staunen bringt. Den blasierten Onegin, der mit seinem Zynismus sein Lebensglück verspielt, oder die leichtfertige Olga, die mit der Gefühlstiefe ihres Verehrers nichts anzufangen weiß. Mich rückhaltlos hineinwerfen in die erste große Liebe, wie Julia. Als Odile Spaß haben an meiner Durchtriebenheit, als sanftmütige Odette jedoch meinem untreuen Geliebten bereitwillig verzeihen. Und einmal möchte ich mich in Rotbart verwandeln und mit dunklen Riesenflügeln die Welt in Schrecken versetzen.

All dies könnte ich mir vorstellen, zu sein -  stürmisch oder verspielt, empfindsam oder kaltblütig, albern, frech, verzweifelt oder tragisch, ein verliebter Junge, eine Dame von Welt, ein Verräter oder eine Zauberin.

Für die tänzerische Entfaltung muss das unglaublich bereichernd sein: sich in ganz unterschiedliche Menschen hineinzuversetzen, ihre Motive und Gefühle zu erkunden - und dabei festzustellen, dass man das alles insgeheim selbst ist: finster und abscheulich, gutmütig und liebenswert, immer aber auf wunderbare Weise vielschichtig.


Evan McKie als Onegin, Opéra de Paris
Copyright: Michel Lidvac

*www.crankocast.com

Kommentare:

  1. Als Teenager wollte ich immer Myrtha (aus Giselle) sein oder aber Odile (Odette fand ich langweilig). Rotbart und Mercutio fand ich ebenfalls faszinierend.

    AntwortenLöschen
  2. @tripmadam, oh ja, Myrtha ist eine interessante Figur, sie hat so eine Mischung aus Unerbittlichkeit und Verletztheit/Zartheit. Und der tragische Hilarion ist auch interessant.
    Einen interessanten Blog hast du da! :-)

    AntwortenLöschen
  3. Bei mir kam Mercutio raus!!!!

    AntwortenLöschen
  4. Haha, ich habe auch gedacht, dass ich nicht "boy" oder "girl" ankreuzen möchte. Was ich aber auch gern tanzen möchte, ist der "Jeune homme" von Roland Petit, auch wenn mir dazu die technischen Fähigkeiten fehlen, lol.

    AntwortenLöschen
  5. @Gregori - das dachte ich mir! :-))
    @Alexander - auch eine tolle Rolle, aber La Mort möchte ich nicht spielen! :-)

    AntwortenLöschen
  6. Also bei mir kam Julias Mutter raus. Wie finde ich das denn?!

    AntwortenLöschen
  7. Aber es gibt natürlich auch Rollen, die von Männer und Frauen getanzt werden können. Maurice Béjarts "Bolero" zum Beispiel oder die Hauptrolle in Strawinskijs "Sacre". Oder die Fee Carabosse.

    AntwortenLöschen
  8. @Rosalie, ich stelle mir Lady Capulet gar nicht so uninteressant vor... Hm, wüsste gern, was sie für Kriterien hatten.

    @Alexander - die Fee Carabosse, hihi, lots of fun.

    AntwortenLöschen
  9. Ich bin Tybalt. Tja und auch ich muss sterben.

    AntwortenLöschen
  10. @Bernhard, ja, es gibt viele Tote in dem Stück...

    AntwortenLöschen