Samstag, 27. September 2014

Die Rampensau in mir


Emmanuel Thibault, Agnès Letestu
Copyright: IkAubert
                          

Vor uns steht ein Ballettlehrer aus Brasilien - schwarzgelockter Pferdeschwanz, knallenge Hotpants, rot lackierte Fußnägel - und begrüßt uns mit einem vor Temperament sprühenden Blick in die Runde. Ich - dicke wärmende Kleidung, introvertierte Stimmung, und, wie ich meine, zurückhaltende Wesensart - stehe mit abwartender Miene im Raum herum.

Eigentlich ist mir heute nach einer ruhigen Stunde zumute, darum bin ich auch zu diesem Kurs gegangen, der "Yogaballett" heißt. Zu meiner Erleichterung beginnt er dann auch so - mit langsamen, ausgedehnten Atemübungen, durch die sich schon bald der yogische Gleichmut einstellt, der mich alles akzeptieren lässt, was da kommen mag.

So tanze ich ganz unangestrengt durch eine Reihe fließender Übungsfolgen, an deren Ende die traditionelle révérence, die Verbeugung steht. Ich habe hierzu verschiedene Techniken gelernt, doch nicht das, was unser brasilianischer Yogaballettlehrer macht.

Wir stehen auf einer Bühne, vor uns ein großes Opernhaus. Dann öffnen wir unsere Arme. Wir präsentieren uns vor dem ersten Rang, über den wir langsam den Blick schweifen lassen. Dann kommt der zweite Rang: Wir senken die Arme wieder und nehmen sie etwas höher. Dann noch höher, dies ist jetzt der dritte Rang. Wir bedanken uns nacheinander beim Orchester, der Technik und schließlich der Lichtregie, die auch irgendwo oben im Theater sitzt. Bei uns selbst, für das, was wir gegeben haben. Denn wir haben viel zu geben. Darum sind wir hier. 

Und hier nun mein Geständnis: Es war ein ganz unglaubliches Gefühl. Einen weiten Raum auszufüllen. Teil eines großen Ganzen zu sein und damit andere erfreut zu haben. Und das Glück darüber mit einer ausladenden Geste zum Ausdruck zu bringen. 

In mir ist also eine Rampensau. Bevor ich darüber nachdenken kann, wie ich das nun finde, treffen sich unsere Blicke und er sagt, ganz Bühnentänzer: Ja, wie? Natürlich! 


... und hier speziell für dich, @Lovelydays:

Dorothée Gilbert und Mathieu Ganio in "La Sylphide"
Copyright: Blog Une Saison à l'Opéra

Kommentare:

  1. Nur zu!!! Ich habe festgestellt, dass mein Tanz sich ganz anders entwickelt hat, als ich angefangen habe, dazu zu stehen. Es gehört einfach dazu, ohne geht nicht, und es macht sooo viel Spaß!! Aber dieser Lehrer scheint ja gar nicht so schlecht zu sein als Inspiration. :)

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  2. @Alexander, ja, ist er, und manchmal ist es richtig gut, sich mal auf was anderes einzulassen... Und ja, es macht Spaß! :-))

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  3. Diesen Lehrer brauche ich auch!!!

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  4. @Gregori, komm doch mal nach Berlin, dann gehen wir zusammen hin. :-)

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  5. Ich schließe mich an und möchte diesen Lehrer auch kennenlernen! Die Übung habe ich gerade ausprobiert, die ist ja richtig genial!

    Das Foto oben ist super schön! Was ist das für ein Ballett? Weißt du das?

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  6. @BalletGirl84, das Ballett ist "Le Fils Prodigue" von Balanchine, zu Musik von Prokofjev, und gehört zu den "ballets russes". Würde ich auch gern mal live erleben! :-)

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  7. Da bekomme ich zum ersten Mal etwas Heimweh nach Berlin und nach der Zeit, als ich dort eine Flatrate hatte... Ich war auch gern bei ihm.
    Ist eine tolle Übung, weil wir als Balletttänzer ja immer Selbstzweifel haben und nie, nie NIE wirklich gut sind. Und er hat so Recht, dass wir viel zu geben haben. Du ganz besonders!!!

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  8. @Andreas, wie, wir sind NIE gut?! Deine Drehungen à la seconde und deine tours en l'air sind doch supertoll!

    @AnneS. Du hast dir die schwierigste Tanzform ausgesucht, falls dir die Bühne Spaß macht. Ich bin eine Bühnensau von Natur, aber austoben kann ich das beim Jazztanz besser.

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  9. PS. Vielleicht solltest du wirklich was mit Schauspiel machen (habe ich schonmal angesprochen, glaube ich). ;-)

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  10. @Andreas - ein bisschen Heimweh ist ja auch ganz schön... Wenn ich in dieser Tanzschule bin, denke ich immer daran, wie wir uns kennengelernt haben. :-)

    @Bernhard, ja, darüber denke ich auch nach. Habe Lust auf Rollenspiel und bunte Kostüme. :-) Dafür ist Ballett viel zu schwer (für mich jedenfalls.)
    Bühnensau von Natur klingt cool. :-)

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  11. @Bernhard: Tours en l'air??? Du meinst wohl uns vor 30 Jahren! Die Bühnensau von Natur habe ich auch von damals noch gut in Erinnerung. :-))))

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  12. Ich habe den Eindruck, dass es Dir und Deinem Lehrer nicht um den Applaus geht, sondern umgekehrt darum, sich zu bedanken und etwas zu geben. Das finde ich sympathisch. Dafür hat man den Applaus ja auch verdient! Und wofür tanzt man wenn nicht, um sich zu zeigen? Herzlich, Gabi

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  13. Vielen Dank AnneS für diesen Text, dein Geständnis und das letzte Foto. :-) Als du das mit dem weiten Raum und dem Glück darüber etwas/dich selbst gegeben zu haben, geschrieben hast, dachte ich sofort, das mus sehr schön sein, so im Raum zu stehen und (dich selbst) zu geben.
    Nächtliche Grüße nach Berlin.

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  14. @Lovelydays: ja, und interessant, was man allein durch Vorstellungsübungen entdecken kann... "La Sylphide" ist übrigens ein ganz bezauberndes Ballett, und ihr scheint ebenso bezaubernde Fabelwesen zu haben dort oben in den Highlands! Falls es also mal in Glasgow kommt oder so, es lohnt sich! :-) Viele Grüße aus dem schönen noch septemberwarmen Stuttgart ins Land der geflügelten Traumwesen.

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