Samstag, 25. Oktober 2014

Zephyr, Gott des Westwinds



Ich bin Zephyr, der Gott des Westwinds. Ich bringe den Frühling mit seinen warmen Brisen, und ich bin leichtfüßig, unbeschwert und sanft.

Ich liebe die zarten Farben der erwachenden Natur, die ersten Blütenknospen, sprudelnde Quellen und flirrendes Licht. Und ich liebe Flora, meine Frau.

Flora ist die Göttin der Blüte. Sie ist heiter, gesellig und verspielt. Sie liebt es, sich in fließende Gewänder zu kleiden und ausgelassene Feste zu feiern. Schöner noch als jede Blume ist sie, und mit ihrer überschwänglichen Energie bringt sie alles zum Blühen, was sie berührt. Und mich bringt sie zum Tanzen.

Kaum erblicke ich sie, fliege ich ihr entgegen und beginne, sie wie ein zarter Windhauch zu umwehen. Wie eine melodische Woge umwerbe und umgarne und umtanze ich sie, bis sie einstimmt in unseren gemeinsamen Reigen und sich davontragen lässt, sanft geschaukelt von der weichen Berührung der Luft.




Einmal jedoch hätte ich sie fast verloren. Denn mein Bruder, der klirrend kalte Nordwind, war so verzaubert von ihrem lieblichen Wesen, dass er beschloss, sie zu entführen. Kurzerhand tötete er mich mit einem Pfeil und trug sie in eine Grotte, wo sie vor lauter Angst in Ohnmacht fiel. Doch ich erwachte wieder zum Leben. Neun Musen begleiteten mich zurück zu ihr, meiner Göttin, und seither springen und wirbeln und tanzen wir durch Feld und Flur, für immer verbunden im Frühlingstaumel junger Liebe.

Ich bin Zephyr, der Gott des Westwinds. Ich bin hier, um der Welt Wärme, Glück und Poesie zu bringen.


I do not own the photos in this blogpost nor this video. No copyright infringements intended

Sonntag, 12. Oktober 2014

Verloren auf der Welt




Jetzt hat tatsächlich ein Schriftsteller, den ich für meinen ganz persönlichen Geheimtipp hielt, den Nobelpreis für Literatur bekommen: der französische Autor Patrick Modiano. 

Ich habe alle seine Romane mit ihrem Erscheinen gelesen, obwohl - oder gerade weil - einer dem anderen ähnelt. Es sind seine wiederkehrenden Themen, die mich jedesmal neu berührt haben und die, wie ich meine, nicht nur für seine Generation bedeutsam sind.

Angesiedelt in der Mitte des letzten Jahrhunderts, in der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, handeln seine Romane von Erinnern und Vergessen, von Verlust und Verschwinden, von Unausgesprochenem und Verdrängtem, von Suche und Sehnsucht - und letztlich der Unmöglichkeit, die eigene Identität als ein verständliches, überschaubares Gefüge zu begreifen.

Vor dem Hintergrund eines labyrinthischen Paris, in dem alles rätselhaft, ungefähr, ungewiss bleibt, sucht der Erzähler vergeblich nach einer erklärenden Landkarte: Spuren, die sich gleich wieder verlieren, Geheimnisse, die nie ganz gelüftet werden, der Versuch, nach einem Anhaltspunkt zu greifen, der sich sogleich wieder entzieht - das sind die wiederkehrenden Motive, die die Leserin ebenso im Unklaren zurücklassen wie den Erzähler selbst.

Niemand schildert so suggestiv wie Modiano das Erleben von Heimatlosigkeit, von fehlender innerer Verortung, von Verlorensein auf der Welt. Melancholisch, atmosphärisch, sensibel, aber auch schonungslos ist sein Erzählstil, denn es gibt nie eine Auflösung oder ein Ankommen, nie ein tröstend-erleichtertes Aufatmen.

Was zurückbleibt, ist ein Gefühl von Schweben, das wie eine behutsame Frage im Raum auftaucht und sich dann ebenso lautlos wieder auflöst wie ein Erinnerungsbild.




"Gestern Abend, als ich durch diese vielen Straßen lief, war mir bewusst, dass es dieselben wie früher waren, und doch erkannte ich sie nicht wieder. Weder die Häuser hatten sich verändert, noch die Breite der Gehsteige, aber damals war das Licht anders, und es hing etwas anderes in der Luft..."*

*Patrick Modiano,  "Die Gasse der dunklen Läden", 1978, Übersetzung: Gerhard Heller

Samstag, 11. Oktober 2014

Ein Ort poetischer Inspiration




Cafés sind unverzichtbar für einen glücklichen Alltag. Cafés sind nicht nur Orte zum Innehalten und Genießen, zum Plaudern und Beobachten. Für mich sind sie auch der ideale Platz zum Schreiben. Nirgends kann ich besser meinen Gedanken nachhängen als im Café, nirgends konzentrierter meine Ideen zu Papier bringen, nirgends auch mich verbundener fühlen mit der Tradition schreibender Menschen. 

Und so habe ich mich natürlich auch in Stuttgart nach einem Ort poetischer Inspiration umgesehen. Gefunden habe ich das Teehaus im Weißenburgpark, ein denkmalgeschütztes Jugendstil-Pavillon, gelegen auf einem der vielen Hügel der Stadt. Vom Zentrum aus ist man nach wenigen U-Bahn-Stationen am Ziel, doch man gelangt auch ohne weiteres zu Fuß dorthin. 











Denn um in der Natur zu sein, braucht man hier keinen Ausflug zu machen - man ist sofort dort, sobald einem der Sinn danach steht. So lassen sich jederzeit Stadt und Land verbinden, der urbane Cafébesuch mit einem Spaziergang im Grünen, der Wunsch nach städtischer Dynamik mit einem erholsamen Blick in die Weite.

Während ich also auf der Terrasse sitze und bei einem Espresso all die Pläne, Ideen und Gedanken niederschreibe, die mir so durch den Kopf gehen, lasse ich meine Augen über sanft geschwungene, rebbestockte Hügel schweifen und fühle, wie sich in mir ein Zustand von Ruhe, Harmonie und Zeitlosigkeit entfaltet, wie er typischer nicht sein könnte für eine ausgedehnte nachmittäglich-mediterrane Kaffeepause.

Denn dies ist eine der Besonderheiten von Stuttgart: Es ist umgeben von Hügeln, mindestens sieben an der Zahl. Und damit ist es verwandt mit jener Stadt, in der es den exquisitesten Kaffee der Welt gibt - mit Rom.  


Morgenstimmung, Blick vom Weißenburgpark
Stuttgart, Oktober

Mittwoch, 8. Oktober 2014

The Magic of Dance Knitwear


Maria Kochetkova, San Francisco Ballet
I do not own this photo

Mexiko 1.45 a.m.
Berlin 8.54 p.m.
Vancouver 11.54 a.m.
Sydney 5.54 a.m.

So und ähnlich hielten wir uns zwischendurch immer wieder auf dem Laufenden - über die Uhrzeit in unserem Land und damit auch über den jeweiligen Grad unserer Wachheit oder Müdigkeit. Wie schön, Teil einer so großen Community zu sein, dachte ich.

Die Rede ist vom World Ballet Day, an dem einen Tag lang die Proben und Trainingsklassen verschiedener Ballettkompagnien aus mehreren Kontinenten live übertragen wurden. Auch ich habe diesen Tag vor meinem Laptop verbracht. "Zuschauen ist auch Training", tröstete ich meine ballet buddies, die sich an jenem Tag wie coach potatoes fühlten. 

Eines meiner Highlights war zweifellos der überaus unterhaltsame Live-Ticker, der parallel zu den Aufnahmen lief. Hier gingen die Kommentare von "Who is the sexy guy in green?" über Vergleiche verschiedener Tanzstile bis hin zu detaillierten Analysen der Proben, und all das im sprunghaften und sekundenschnellen Wechsel. 

Dass manche Tänzer wie Rockstars gefeiert werden, wusste ich bisher auch noch nicht. Dementsprechend viel Aufmerksamkeit galt auch ihren Outfits. "Morgen mache ich mir die Haare wie sie", schrieb eine Frau über eine Tänzerin vom San Francisco Ballet, "Ich brauche sofort ihr Trikot", eine andere. Für noch größeren Aufruhr sorgte die bunte Strickhose von Steven McRae, dem Megastar des Londoner Royal Ballet. Diese löste einen derartigen Begeisterungssturm aus, dass die Kommentare sich geradezu überschlugen. Plötzlich wollten alle diese Hose tragen - ganz so, als würden die Beine ihre Geschwindigkeit sogleich verdoppeln, wenn sie erst einmal in diese frech gemusterte Wolle gehüllt werden. 

Doch wir Tänzer, die wir in einer Welt der magischen Verwandlungen leben, glauben fest daran, dass Wunder möglich sind. Es sind ja nicht nur hohe Sprünge oder traumwandlerische Arabesken, die wir uns hier zum Vorbild genommen haben - es ist die Strahlkraft, die von Menschen ausgeht, die ihren Traum leben.

Und so bleibt nun die brennende Frage: Wo finde ich Steven McRae's pants? 

Steven McRae und Sarah Lamb
Copyright: ROH, Johan Persson

Steven McRae, The Royal Ballet London
I do not own this photo