Sonntag, 12. Oktober 2014

Verloren auf der Welt




Jetzt hat tatsächlich ein Schriftsteller, den ich für meinen ganz persönlichen Geheimtipp hielt, den Nobelpreis für Literatur bekommen: der französische Autor Patrick Modiano. 

Ich habe alle seine Romane mit ihrem Erscheinen gelesen, obwohl - oder gerade weil - einer dem anderen ähnelt. Es sind seine wiederkehrenden Themen, die mich jedesmal neu berührt haben und die, wie ich meine, nicht nur für seine Generation bedeutsam sind.

Angesiedelt in der Mitte des letzten Jahrhunderts, in der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, handeln seine Romane von Erinnern und Vergessen, von Verlust und Verschwinden, von Unausgesprochenem und Verdrängtem, von Suche und Sehnsucht - und letztlich der Unmöglichkeit, die eigene Identität als ein verständliches, überschaubares Gefüge zu begreifen.

Vor dem Hintergrund eines labyrinthischen Paris, in dem alles rätselhaft, ungefähr, ungewiss bleibt, sucht der Erzähler vergeblich nach einer erklärenden Landkarte: Spuren, die sich gleich wieder verlieren, Geheimnisse, die nie ganz gelüftet werden, der Versuch, nach einem Anhaltspunkt zu greifen, der sich sogleich wieder entzieht - das sind die wiederkehrenden Motive, die die Leserin ebenso im Unklaren zurücklassen wie den Erzähler selbst.

Niemand schildert so suggestiv wie Modiano das Erleben von Heimatlosigkeit, von fehlender innerer Verortung, von Verlorensein auf der Welt. Melancholisch, atmosphärisch, sensibel, aber auch schonungslos ist sein Erzählstil, denn es gibt nie eine Auflösung oder ein Ankommen, nie ein tröstend-erleichtertes Aufatmen.

Was zurückbleibt, ist ein Gefühl von Schweben, das wie eine behutsame Frage im Raum auftaucht und sich dann ebenso lautlos wieder auflöst wie ein Erinnerungsbild.




"Gestern Abend, als ich durch diese vielen Straßen lief, war mir bewusst, dass es dieselben wie früher waren, und doch erkannte ich sie nicht wieder. Weder die Häuser hatten sich verändert, noch die Breite der Gehsteige, aber damals war das Licht anders, und es hing etwas anderes in der Luft..."*

*Patrick Modiano,  "Die Gasse der dunklen Läden", 1978, Übersetzung: Gerhard Heller

Kommentare:

  1. Wie schön, dass es noch eine Modiano-Liebhaberin in meinem Eckchen des Internet gibt. Ich habe mich sehr gefreut, als ich gelesen habe, dass er den Literatur-Nobelpreis erhalten hat. Erwartet hätte ich es nicht.

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  2. Das hat mich sehr berührt und die letzten Tage über begleitet... Sehr tiefgehend, das Thema und wie du darüber schreibst. Ich hatte noch nichts von ihm gehört, bin aber dann in die Buchhandlung und habe mir "Im Café der verlorenen Jugend" gekauft. Das werde ich jetzt lesen. Wie schön, auf diese Weise einen neuen Autor zu entdecken.

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  3. Tolle Fotos und wunderbar geschrieben. Ich möchte weiterlesen, von ihm, aber auch von diesem Blog.

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